Untergehen ist das Eine, unter der Oberfläche bleiben das Andere. ;-)

Sonntag, 30. Mai 2010

Früher war alles besser

Gestern wäre mir beinahe so ein dusseliger Fahrradfahrer am Kühlergrill verendet. Glücklicherweise wurde er im letzten Augenblick von einer Ampel gestoppt. Das nehme ich zumindest an. Genau sehen konnte ich es ja nicht. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite bettelte ja ein über den Hosenbund quellendes, und nur schlecht von einem verwaschenen T-Shirt verstecktes, weibliches Speckröllchen um meine Aufmerksamkeit. Die dazugehörige Frau war Mitte Zwanzig und sie schien es nicht zu stören, daß ihr ausgebleichter Tanga, in Höhe der anzunehmenden Taille, sich 2,8cm tief in ihre Haut grub. Nach ihrer sparsamen Schrittfrequenz und den hellroten Schürfstriemen zu urteilen, die der Slip von oben nach unten auf ihr hinterließ, hatte sie ihn sich exakt vor 17min bis unter die Achselhöhlen hochgezogen.

Früher war alles besser. Egal.

Jedenfalls konnte ich mich bei dem Gedanken, daß der Sommer mit seinen Auswüchsen – freiliegender, unbemantelter und unbehüteter Speck, sei er noch so umnachtet – wieder hart werden würde, mich unmöglich auf den aktuellen Straßenverkehr konzentrieren. Wozu auch? Ich stand ja eh vor einer roten Ampel. Genau vor der, an der sich der havarierte oder einfach so zusammengebrochene – ob dies in Ehren geschah oder nicht, kann ich, wie gesagt, nicht beurteilen – Biker sich bemüßigte, mal wieder aufzustehen. Das Pflaster unter ihm war nass. Also konnte er noch nicht lange dort herumgelegen haben, denn zuletzt hatte es vor vier Stunden geregnet.

Etwas Kombinationsgabe und Einfühlungsvermögen hat noch niemanden geschadet. Außer die eigene Frau besitzt sie. Egal. Sowieso.

Das Ganze sah etwa so aus:

Mal davon abgesehen, daß ich die letzten 15 Jahre nichts gezeichnet, geschweige denn etwas mit Hand geschrieben habe, sondern mich nur hinter der Tastatur verschanzte, ist mit meiner Gedächtnisprotokollskizze ein Stimmungsbild entstanden, auf daß ich zu Recht stolz herabblicken kann. Glasklar ist darauf der Halt suchende, sportiv mumifizierte, 45-jährige frühpensionierte Gymnasiallehrer für Deutsch/Latein zu erkennen und meine, zu einem Bild komponierte, tiefe Erkenntnis über die Tatsache, daß wir uns in derselben Situation befanden. Uns verbindet nicht nur, daß wir keine vernünftige Schule von innen gesehen haben, sondern auch, daß wir so eben, situationsbedingt, das gleiche einschneidende Erlebnis hatten. Einen Schock. Ich mit den Speckrollen und ihn hat es bestimmt auch nicht einfach so flachgesemmelt. Irgendeine Feindberührung wird ihn schon auf das Pflaster geknallt haben. Ich kann nur von Glück oder Vorhersehung sprechen, weil ich hinter dem Steuer schon an der roten Ampel festsaß – also, selbst beim besten Willen weder umfallen, noch sonst irgendwie aus der Spur scheren konnte – und weil ich noch nichts gegessen hatte, was eines förmlichen Erbrechens lohnenswert gewesen wäre.

Früher war alles besser. Bei normalgewichtigen Frauen reichte eine MALIMO-Stoffbahn für den Mini-Rock und bei allen anderen die Dederon-Kittelschürze. Die Mini-Röcke flanierten über den Anger und die Kittelschürzen vor dem Herd. Das Autofahren gestaltete sich entspannter, weil es kaum Ampeln gab und man kein Auto besaß. Der Himmel war blau, die Vögel zwitscherten und zum Fahrradfahren brauchte man nur ein Fahrrad, einen Stielkamm in der Arschtasche der Niethosen und den Weg zur Arbeit oder in die Disco. Fertig.

Aber heute? Diese Fahrradfahrer haben doch alle ein Ding an der Waffel. Ich meine jetzt nicht den obligatorischen gewordenen Schutzhelm, der aussieht wie eine umgedrehte klingonische Obstschale, und auch nicht die, die sich früh am Morgen auf den Drahtesel schwingen, um im Schweiße ihres Angesichts zu der Stätte ihres Broterwerbs zu Radeln, um dann still vor sich hin gärend auf den Feierabend zu warten, nein, ich rede von diesen High-tech Bikern, die den Fitness-Treffer weg haben.

Ihre sauteuren Bikes sind so leicht gebaut, daß es kaum ins Gewicht fällt, ob man mit Fahrrad oder ohne unterwegs ist, was besonders der älteren Bevölkerungsschicht Mitte Vierzig entgegenkommt. Die Gangschaltung erspart einem ja auch das in die Pedale treten. Das man sich überhaupt bewegt, erfährt man vom Fahrradcomputer. Vergißt man den anzuschalten, kann es leicht passieren, daß man ohne Fahrrad losfährt. Allerdings kommen sie so nicht allzu weit. Bis zur nächsten Ecke und sie brechen gewöhnlich mit einem Kreislaufkollaps zusammen. Der Körper ist ja nichts gewohnt. Nur das Anprobieren von hautengen Mikrofaserklamotten, die verhindern sollen, daß man ins Schwitzen kommt. Wobei eigentlich? Wozu muß man hunderte von Kilometern fahren, um auf den Kalorienverbrauch zu kommen, der vergleichbar mit einem Gang zum Briefkasten ist? Die spinnen doch. Warum kaufen die sich keine Rikscha? Die Mutti vorne drauf – so kommt die auch mal an die frische Luft – und ab gehts in den Wald Holzstämme klauen. Das wäre ein echtes Fitnesstraining. Aber so können sie eben nicht rumprotzen. Weder mit dem Bike noch mit ihrem Weibe. Holz zum heizen braucht ja auch keiner mehr. Ja, früher ...!

Früher war alles besser. Ich sage nur: Kohlen holen. 2 Eimer voll täglich. Aus dem Keller in den 4. Stock. Dafür gab es keinen Leichtmetallrahmen. Als Gangschaltung diente das Außenthermometer. Da wäre keiner auf die Idee gekommen, sich windkanalgetestete Trikots anzuziehen. Die Mutti hat sich die Schürze übergeworfen und ab gings in den Keller. Dort wartete kein isotonisches Erfrischungsgetränk auf sie, sondern die Kohlenschaufel. Und dann ging es hurtig die Treppe wieder rauf! Da war nichts mit solchen Faxen, wie den Puls zählen oder den Blutzuckerspiegel messen.

Wer schon mal 30 Zentner Kohlen von der Straße in den Keller geschippt hat, weiß was ich meine. Da hieß der innere Schweinehund noch Kohlengabel. Wo da die eigenen Grenze lag, konnte man nicht am Fahrradcomputer ablesen, aber erfahren, wenn man auf offener Straße zusammenbrach. Das war ein echtes Kreislauftraining!

Mit der Wende ist dieser Beitrag zur Volksgesundheit leider in Vergessenheit geraten. Plötzlich hatte ja jeder eine Gas- oder Ölheizung und die Kohlen im Keller übrig. Die bin ich mir holen gegangen. Bei mir wurde ja noch bis Ende der 90er Jahre mit Hand und per fossilen Brennstoff geheizt. Ich habe mir meinen Wartburg geschnappt und bin einmal pro Woche zur Oma gefahren. Kohlen hamstern. Was sonst? Genau 13 Eimer voll davon passten in den Kofferraum. Der Vorbesitzer des Wagens muß ein ähnliches Hobby gehabt haben, denn er hatte ihn hinten durch extrastarke Stoßdämpfer höher legen lassen. Unbeladen ragte die Karosse 20cm zu hoch über der Fahrbahn, was der Bodenhaftung extrem zum Nachteil gereichte. Erst mit 13 vollen Kohleneimern im Kofferraum war eine angstfreie Kurvenfahrt überhaupt möglich.

Deswegen habe ich die Kohlen auch nie erst ins Haus geschafft, sondern im Auto belassen. Kohlen gabs bei mir im Kofferraum und nicht im Keller. Als dann die Heizperiode plötzlich abbrach, habe ich sie in der Gewissheit, daß der nächste Winter mit Sicherheit kommt, auch dort gelassen. Der kam dann auch aber nicht mehr für mein Auto. Achsenbruch. Das Gesicht des Autoverwerters werde ich nie vergessen, als ich dann im Hochsommer, bei 28 °C im Schatten, auf dem Schrottplatz die restlichen zwei Eimer Kohlen aus dem Kofferraum lud, um mit ihnen zur Bushaltestelle zu laufen.


Damals war das gesundheitlich kein Thema. Heutzutage würde das ja keiner mehr schaffen. Auch weil der Busfahrer die Polizei und den Krankenwagen rufen würde. Dabei müßte man Beide, und die Einsatzwagen der Unfallforschung gleich dazu, eigentlich im Schlepptau haben, wenn man sich bei guten Wetter als Fußgänger einem Fahrradweg nähert, der sich unter den Fitnessheinis großer Beliebtheit erfreut. Wie im Sommer der Elberadweg. Dort heil davongekommen, weiß man, was eine Rentnerschwemme ist. Da tut sich einem am Horizont der Erdboden auf und spuckt ganze Heerscharen von Pensionären auf ihren High-Speed-Bikes in die Landschaft.

Gut, dann sind sie eben weg von der Straße und beschäftigt. Nichts ist schlimmer als ein unterforderter Rentner mit seiner unendlichen Zeitkapazität. Früher konnte man ihn den lieben langen Tag vor dem Obstladen stellen, und ihn nach Bananen für die Enkel warten lassen, damit er nicht auf dumme Gedanken kommt, und mit seiner gut gemeinten Hilfsbereitschaft die eigene Familie ausrottet. Aber heute?

Früher war eben alles besser. Punktum.

Das Speckröllchen ist übrigens an einer Fressbude nicht vorbeigekommen und hat sich eine Riesenportion Pommes rot/weiß genehmigt. So etwas gab es früher auch nicht. :-P

Mittwoch, 19. Mai 2010

Die Kraft der zwei Stellen Teil 6 und Schluß

»Mensch, ich weiß, daß du hier die ganze Woche sinnlos rumgessen hast! Aber ich kann doch auch nichts dafür, daß mir das Passwort nicht einfällt! Aufgeschrieben habe ich es auch irgendwo! Das finde ich! Dann kannst du loskatagolisieren! Ich finde dann schon einen, der weiß wie das am Computer gemacht wird und es dir erklärt. Da kannst du dich darauf verlassen!

Bei mir ist doch auch nicht alles klargegangen! Was bin ich rumgefahren wegen der Anzeige! Meinungen einholen! Bloß das mir jeder was anderes erzählt hat! 7 Tage war ich unterwegs! 7 Tage! 3 Faxrollen habe ich mit den Änderungen alle gemacht! Dann versucht, den Toner zu wechseln! Jetzt ist das Faxgerät kaputt!

Der Barkas ist mir gegen einen Baum gerutscht! Der rechte Kotflügel ist komplett im Eimer! Wenn das der Gunnar erfährt! Der macht mich alle!

Ich habe jetzt die Schnauze voll und nehme den ersten Entwurf, den mein Schwiegersohn gemacht hat. Mensch, der ist Grafiker! Der weiß schon was er macht! Gestern Abend hat der mich zu Hause angerufen und mich zur Schnecke gemacht! Ob ich nicht ganz dicht wäre seine Agentur mit meinem Scheiß lahmzulegen! Das er von mir zu Weihnachten drei Faxpapierrollen bekommt und einmal Toner! Das der mich am liebsten enterben würde, wenn er es könnte! Und ob ich aus der Aktion voriges Jahr nichts gelernt habe? Klar habe ich was dazu gelernt! Da hat doch keiner angerufen! Also muß an der Gestaltung was nicht gestimmt haben.

Da haben wir so eine ähnliche Aktion durchgezogen. Aber viel aufwendiger. Mein Schwiegersohn hat so eine kleine Klappkarte entworfen. Der Sinn und Zweck war der selbe wie jetzt bei der Anonnce. Da bin ich auch eine Woche rumgefahren, habe mir Meinungen eingeholt und mein Schwiegersohn hat mich deswegen zur Schnecke gemacht. Dann haben wir seinen Entwurf drucken lassen und uns die Karten liefern lassen. 2500 Stück. Schön war die geworden! Dann hat der Heini, der damals an deiner Stelle hier war, jede Karte schön gelocht und ein Bindfädchen durchgezogen, damit man sie irgendwohin ranbammeln oder als Lesezeichen verwenden kann. Der ist in seiner Aufgabe richtig aufgegangen! Richtig glücklich war der, daß er wieder was sinnvolles zu tun bekommen hat.

Derweile habe ich generalstabsmäßig geplant. Wo ich die überall auslegen kann, damit die alten Menschen sie auch finden und ich nicht so viel Sprit verknalle beim breitfahren.
Alles, was nach einer Seniorenbegegnungsstätte aussieht, habe ich aufgelistet. Dabei habe ich nach reiflicher Überlegung alle Apotheken und Hospize wieder aus der Liste gestrichen. In den Apotheken haben die Rentner genug zu tun, um das Rezept in der Handtasche zu finden. Genau wie in den Hospizen, haben die keine Zeit, sich um unser Anliegen zu kümmern.
Und so viele Klappkarten hatten wir auch nicht, um an jede Begegnungsstätte denken zu können. 241 davon habe ich angefahren! Jeweils 10 Stück habe ich dort zum mitnehmen hinterlegt. 1 Woche war ich unterwegs! Und? Hat es was gebracht? Hat einer angerufen? Neeeee!

Nur unten im Büro bimmelt ab und zu das Telefon! Das hörste nur, wenn du genau neben der Tür stehst. Nützen tut dir das auch nichts, weil wir keinen Schlüssel für den Raum haben.
Aber die haben da unten auch eine andere Nummer als wir hier oben. Der Horsti hat doch damals die ISDN Anlage installiert. Da unten im Büro. Vielleicht ist mit dem Telefon was? Aber rausrufen kann ich doch! Da ist doch was faul! Hier oben hat das Telefon noch nie geklingelt! Ich ruf jetzt mal den Horsti an und frag mal nach.«

5min später:

»Jetzt wirds verrückt! Mir haben gar kein ISDN! Das wäre mal im Gespräch gewesen und er wär auch mal hier gewesen, um zu gucken, wir er es am besten macht, aber die Anlage hat der nie installiert! Die hat der Gunnar gestoppt! Aus Kostengründen! Der Horsti meint, daß ich zwar hier rausrufen kann aber eingehende Anrufe muß einer im Büro nach hier oben per Hand vermitteln. Eine direkte Durchwahl vom Büro aus nach oben gibt es nicht. Also bimmelt es nur da unten.

Ich werde nicht wieder! Da haben die vielleicht voriges Jahr wie die Blöden hier angerufen? Und sind unten im Büro rausgekommen, wo keiner abnehmen kann, weil im Büro niemand ist? Nur Montags Abend der Vorstand? Denkst du, die rufen da jetzt nochmal an, wenn die eh genau wissen, daß hier niemand abnimmt? Vergiß es! So etwas spricht sich schnell rum!
Was mache ich denn jetzt? Ich werde blöde hier! Das kann doch alles nicht wahr sein!

Neee, eine Funknummer angeben geht auch nicht. Hier im Tal herrscht ein einziges Funkloch. Wenn die Sterne günstig stehen, hat der Schorchi als einziger im Tal kurz vor Ostern eine Viertelstunde Empfang. Aber das kommt auch nur aller Jubeljahre mal vor.
Fax geht auch nicht. Von den alten Leuten hier hat doch keiner ein Faxgerät und unseres ist eh im Eimer.
E-Mail kannst du auch vergessen. Wenn die das hören, denken die ans Backen und nicht an das Nachrichten schreiben. Sollen die erst ihre Enkel anrufen, damit die uns eine Mail schicken? Schwachsinn! Außerdem können wir die nicht abrufen, weil ich nicht in den Rechner komme. Scheiß Passwort!

Ich werde wahnsinnig hier! Das gibts doch nicht! Die Anzeige wird erst einmal gestoppt. Der Horsti meinte vorhin, daß er auf Seite zwei noch Platz für uns hat. Unsere Anzeige paßt gut neben die breitformatige vom ALDI, weil unsere hochkant wäre. Nur müßten wir langsam mal rüber kommen mit der Datei.
Nur das, was ich hier in der Hand habe, ist breitformatig! Ist es denn die Möglichkeit!

Da war der ganze Aufwand, den ich mit der Klappkarte und der Annonce betrieben habe, glatt für den Arsch!?
Da haben ich wieder Späne gemacht ...

Naja, dem Heini, der damals an deiner Stelle war, hat die Arbeit hier schon was gebracht. Im November vorigen Jahres, habe ich ihn das letztemal beim Einkaufen in der Stadt getroffen. Gut sah der aus! Kein bißchen wie arbeitslos. Der meinte, wenn er sich jetzt einsam und unnütz fühlt, kauft der sich ein paar Rommeekarten, faltet die, locht die und fädelt ein Bändchen durch. Das würde ihn so an seine schöne Arbeit im Museum erinnern und er hätte sich damit schon so viel Weihnachtsbaumschmuck gebastelt, das er die nächsten Jahre damit um die Runden kommt.

Vor 14 Tagen haben sie den mit dem bunten Auto abgeholt und in die Geschlossene eingeliefert. Seitdem habe ich ein bißchen Angst, daß die mich auch ...«

Montag, 17. Mai 2010

Ein Sch... Tag ... :-D

video

... oder der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. *g* Der Zwerg muß ja. 1. gehört er zu unserer WG und 2. kann er bei mir ungestört Kika schauen. Es wird wohl ewig sein Geheimnis bleiben, warum er damals, vor knapp 3,5 Jahren, so eine Show abzog. Nun ja ...

Freitag, 14. Mai 2010

Die Kraft der zwei Stellen Teil 5

Schön, daß du dich wieder gefangen hast. Das ist alles ein bißchen viel Neues für dich. Alles so auf einmal ... kann ich ja verstehen. Jetzt trink noch einen Kaffee! Dann geht es dir auch wieder besser.

Also, oben an der Skihütte zeigen die Teilnehmer den Grenzern ihren Pass und dann geht es ab über den Schmuggelweg zu uns ins Tal! Der Gunnar hat doch ein Herz für die Jugend! Da können die sich hier austoben und ihren Körper stählen! Da brauchen die nicht mehr nach der Schule rumhängen oder Amok laufen. Da können die für das Rennen trainieren! Da machen die mal was sinnvolles! International geht das ab!

National geht schlecht. Es werden sich zwar genug Begeisterte dafür finden, meint der Gunnar. Aber er braucht auch ein paar, die wirklich hier unten ankommen.
Solche Talente findest du nur international. Da wird das Auswahlverfahren für unsere Rallye hart für alle Beteiligten. Das Fernsehen kommt doch her!
Der Sportsender will 6 Kamerateams und den Ü-Wagen schicken. Jeweils ein Team am Start und am Ziel. Drei Teams auf der Strecke und einer im Rettungswagen. Sie rechnen fest damit, daß da einer verunglückt. Da wollen sie live dabei sein. Sie würden es ja niemanden wünschen: Aber ein toter Märtyrer würde sich für unseren Bekanntheitsgrad gut machen und die Region stärken.

Die Wettkampfsprache ist erzgebirgische Mundart. Dank dem Testament des alten Holzmichels, mit seiner Vereinheitlichung, ist da die Verständigung kein Problem. Es hat ja auch etwas vom englischen.

Und wenn später der teilnehmende Neger seinem Häuptling von unseren Rennen berichtet, ihm was vom Schnee erzählt und abschließend trällert: AAAAAAAAAAAArzgebirg wie biste schie ..., abends machen wir ja auch ein Kulturprogramm mit den Übriggebliebenen, werden wir hier in der letzten Wüste bekannt.

An dem Rennwochenende kommt endlich mal die Kaufkraft ins Tal. Die läuft zwar erstmal ins Leere, aber Dank unseres internationalen Ewands*, entdeckt der Häuptling in Afrika vielleicht seinen Bedarf an Räuchermännern und die Ägypter werden scharf auf Pyramiden, die sich auch drehen können. Das haben die ja da unten nicht. Da siedelt sich dann die Industrie im Tal an. Die schafft Arbeitsplätze! Mensch, dann rennen die uns im Museum die Bude ein. Wir dokumentieren ja auch die Heimatgeschichte. Da wollen sie es wissen: Wie es war, damals am schweren Anfang!

Ach, ehrlich gesagt, weiß ich nicht, ob das alles wirklich eine gute Idee ist. Um die Röhnradralley überhaupt finanzieren zu können, braucht der Gunnar doch wieder einen Fördertopf. Sponsoren bekommt der frühestens nach dem ersten Rennen und nur dann wenn alles gut gegangen ist.
Also gründen die schon wieder einen Verein. Der heißt nicht, wie du vermuten wirst, ›Verein zur Förderung der Röhnraddichte im Osterzgebirge‹ sondern ganz einfach: ›Sportverein 2007 e.V.‹ Da lassen sie sich erstmal alles offen und können sich, je nachdem was sich so ergibt, in die eine oder andere Richtung entwickeln.

Aber das ist alles noch Zukunftsmusik und wir fangen erstmal klein an. Wie du gesehen hast, habe ich unten einmal aufgeräumt und Platz für neue Exponate geschaffen.
Die holen wir uns mit dem Barkas von den alten Leuten ab. Damit die wissen, daß die auf dem Boden nach Zeug, was sie nicht mehr brauchen, suchen müssen, schalten wir bei dem Horsti eine kostenpflichtige Anzeige. Hier, guck dir mal den Entwurf, den mein Schwiegersohn gemacht hat, an. Dann sagst du mir, was dir daran nicht so gefällt und was du anders machen würdest. Ich hole mir dann noch ein paar andere Meinungen ein. Wenn sich ein paar mehr Leute mit Ideen einbringen, kann das nicht schaden. Wir wollen ja keinen Murks machen.

Im Gegenzug will der Horsti uns redaktionell erwähnen. Der Knallkopf tut so, als wenn das eine Ehre für uns wäre. Dabei weiß der doch schon lange nicht mehr, was er schreiben soll. Ist doch nichts los hier!
Die Klöppelwoche ist zwei Monate her und die Schnitzerspartakiade war vor einem halben Jahr. Die geben nichts mehr her zum berichten und über die Jahrhunderte Flut von 2002 kann er auch nichts mehr schreiben. Fünf Jahre hat der Horsti mit der Flutberichterstattung durchgehalten. Der wäre immer noch am tippen, wenn die ihn nicht in Hamburg gestoppt hätten. Auf und davon wäre der mit dem U-Boot! Der Horsti hat ja die Flut hier eingeführt, weil der nicht wußte, was er noch schreiben soll. Wenn die nicht gewesen wäre, hätte er den Eichhörnchen erst deutsch beigebracht und sie dann interviewt. Hat er selbst gesagt! Der meint natürlich nicht deutsch, sondern die erzgebirgische Mundart.

Unten im Tal hat der gesehen, wie eine Mülltonne im Bach lag, als die ersten Katastrophenmeldungen reinkamen. Die Tonne haben irgendwelche Halbstarke in den Bach geschmissen. Die muß dort gleich auf Grund gegangen sein. Das war so eine schwere DDR-Blechmülltonne. Die kommen nicht weit!
Über Nacht hat der die verschwinden lassen und von da ab darüber berichtet, was die Tonne so erlebt wenn sie hilflos vor sich hin treibt. Wie ihre Gefühle sind, wenn es erst den Bach runter geht und dann die Elbe lang bis hoch nach Hamburg. Besser: Was die Tonne so erlebt und gefühlt haben könnte!

So, ich muß mal kurz unterbrechen: Ich erzähl gleich weiter, aber wir müssen uns mal kurz um die Anzeige kümmern. Was sagst du nun dazu?
Bei: ›Wir suchen alte Gegenstände‹ willst du das ›suchen alte‹ richtig groß und fett machen? Damit das gleich ins Auge fällt? Schöne Idee. Ich faxe deinen Änderungswunsch gleich mal meinen Schwiegersohn. Der überarbeitet das gleich und faxt sie uns zurück, damit wir sehen können, wie es aussieht.
Schöner wäre es ja, wenn wir es gleich hier am PC selber machen könnten. Aber ohne Paßwort? Außerdem habe ich, ehrlich gesagt, keinen blassen Schimmer, wie das Ding funktioniert. Du auch nicht? Schöne Scheiße. Egal, wir kriegen das schon raus.
So weg ist sie.

Also der Horsti prahlte damals, daß er sich richtig in eine Mülltonne reinversetzen könne. Aber das ist kein Kunststück. Das können alle Zeitungsfritzen.
Dann hat der geschrieben und geschrieben! Was hat der sich ins Zeug gelegt! Die Elbe hoch und runter hat der recherchiert! Der Fördertopf hat gezahlt und gezahlt, weil die Elbe das immer noch geteilte Deutschland vereint und damit der Friedensstiftung, zwischen den alten und den neuen Bundesländern dient.

Wenn einer darüber schreibt.

Und der Horsti hat geschrieben! Dabei hat er die Zeit völlig außer acht gelassen. Da sind Napoleons Truppen übergesetzt, ein LPG Mähdrescher ist in den Fluß gerutscht, die Tonne hat bei der Bergung mitgeholfen und so weiter und so fort. Alles hinter einander weg. Man muß alles in historischen Dimensionen sehen, hat er gesagt. Es war ja auch eine Jahrhunderteflut.

Also ist der in Wittenberg dem Luther begegnet, wie der sich im Fluß die Hände gewaschen hat. Die hatte er sich an einer Kirchentür dreckig gemacht und der Tonne erzählt, wie es dazu gekommen ist.
In Magdeburg hat sie zugeschaut, wie der Otto von Guericke sein Experiment mit den Halbkugeln gemacht hat. Allgemeinwissen vermitteln wolle der Horsti! Hat er gesagt. Wenn das jemand gelesen hätte, würde derjenige jetzt wissen, daß Leuten mit einem Vakuum im Kopf nicht beizukommen ist.

Das waren jetzt nur ein paar Beispiele von vielen. Mensch! Fünf Jahre hat der das getrieben!
Wie gesagt: In Hamburg war dann Zick. Als der mit dem U-Boot über den Skagerrak nach Narvik wollte, weil die Tonne dort noch deutschen Müll vermutet, den sie begleichen wollte, haben sie die Reißleine gezogen und ihn den Geldhahn zugedreht.
Wahrscheinlich waren die sauer weil die Tonne vorher in Hamburg den Teddy, also den Kommunistenführer Ernst Thälmann besuchen war, zu einer Zeit als der noch nicht so sauer auf Stalin war. Überhaupt ist denen in die Nase gestoßen, daß der Horsti nicht wie gedacht, in der Gegenwart zwischen Ost und West vermittelt, sondern sie vollständig außer acht gelassen hat. Naja, der Horsti weiß eben, was wirklich wichtig ist.

Also hat der Horsti die Tonne dort stranden lassen und seit dem steht sie anonym in irgendeiner Altmetallhandlung. Dort wartet sie auf ein neues Leben. Welches, wisse er noch nicht und den genauen Standort hält er geheim, damit die Leute dort nicht hinpilgern. Dabei steht die bei ihm im Schuppen.

Schade, daß das kaum einer gelesen hat. Ich habe es mir ja auch nur vom Horsti ab und zu erzählen lassen. Immer mußte ich dem versprechen, daß ich alles mal durcharbeiten werde. Bis jetzt bin ich noch nicht dazu gekommen. Das hat den Horsti schon ein wenig gekränkt. Deshalb bezahlen wir auch die irre Kohle für die Anzeige, um den Horsti milde zu stimmen.
Eigentlich ist das schade, daß den kaum einer liest. Der gibt sich so eine Mühe! Aber wenn du Interesse hast und ein wenig Luft ist bei der Arbeit: Alle Ausgaben der Zeitung hab ich archiviert. Die liegen sicher unten im Keller.

So, die Anzeige. Eigentlich ist die ein bißchen sinnlos. Wenn keiner in Horstis Zeitung guckt, sieht auch keiner unsere Anzeige und keiner liest den Artikel über uns. Egal, die Hoffung stirbt zuletzt und irgendwas müssen wir schließlich machen. Nicht das es wieder so ein Reinfall wird wie im vorigen Jahr. Da hab ich eine ähnliche Aktion gestartet.

Keiner hat angerufen...

Ach, du wirst sehen: Das wird schon ein toller Erfolg.
Früh kommen wir her. Da klingelt das Telefon. Daran hängt einer alter Mensch, der sagt: Du beim Horsti im Blatt habe ich gelesen, daß ihr noch altes Zeug sucht. Vielleicht habe ich ja was für euch...
Dann schnappen wir uns den Barkas und fahren los. Erstmal zum Karli frühstücken. Wenn wir dort einen Kaffee kaufen, hat der nichts dagegen, wenn wir uns die Schnitten mitbringen. Sonst könnten wir uns auch nicht jeden Tag dort ein Frühstück leisten. Ist klar.
Dann fahren wir zu dem Anrufer und lassen uns seine Schätze zeigen. Vielleicht ist ja der Klöppelsack von Barbara Uthmann mit dabei? Das war diejenige, die das Klöppeln hier bekannt gemacht hat. Auf den bin ich ganz scharf! Die hat zwar als Verlegerin für Klöppelmuster gearbeitet aber so einen Sack wird die schon zu Hause gehabt haben. Der Sage nach konnte der von alleine klöppeln. Was natürlich Quatsch ist. Aber ich als Bastler und Pfriemler werde den dann schon ein bißchen zum zappeln bringen. Warum muß ich dir ja nicht mehr erklären.

Das wird ein Leben! Wenn wir beide dann früh mit dem Barkas ...

Horch mal: Das Faxgerät piept! Das ist mein Schwiegersohn mit der Änderung. Fix ist der ja. Im Bett leider auch, meint meine Tochter.

Da wollen wir mal gucken, wie es ausschaut.
Hm, ›suchen alte‹ ... Das fällt richtig ins Auge. Aber nein! Das können wir nicht machen. Wenn die das im Altersheim lesen oder meiner Frau fällt das in die Hände! Nein, da bekomme ich Ärger.
Aber schön, daß du dich mit in die Sache eingebracht hast. Das war schon wichtig für Dich: Das Gefühl zu bekommen gebraucht zu werden.

So Schluß für heute. Feierabend! Für heute haben wir uns genug geschunden. Ich gehe mir jetzt noch ein paar Meinungen zur Anzeige einholen, dann sehen wir weiter. Bis Morgen! Komm gut nach Hause!

Jetzt hat der wieder eine gesunde Farbe im Gesicht! Warum denn nicht gleich so?

Ach so: Wenn du jetzt denkst, daß ich ein bißchen viel quatsche, hast du recht. Aber macht dir mal keine Sorgen. In einer Woche hast du dich daran gewöhnt. Dann hörst du mich gar nicht mehr. Und bis dahin habe ich dich schon genau in unsere Arbeit eingewiesen.«

7 Tage später:

Fortsetzung folgt ...

Dienstag, 11. Mai 2010

Die Kraft der zwei Stellen Teil 4 :-P

Der genehmigte Garagenbau war ein weiterer Meilenstein in der Geschichte des Vereins: Jetzt können die nämlich beantragen, als freier Träger der Jugendhilfe anerkannt zu werden. Das klappt sicher, weil der Gunnar auch ein Herz für die Jugend hat und schon eine genaue Konzeption vorlegen kann, was er alles entstehen lassen will, um der Jugend zu helfen. Der hat dann nicht nur das Paßwort für den Topf des zinnernen Erzgebirge zur Verfügung, sondern auch das für den Geldnapf der Jugendhilfe.
Für seine Mühle kämpft der Gunnar! Vor dem sind keine Fördergelder mehr sicher!
Als nächstes schröpft er die EU, Greenpeace, die UNO und den Ku Klux Klan, wenn es sein muß.

Das Geld braucht der nämlich. Was der nicht alles vorhat, um der Jugend etwas gutes zu tun! Erstmal will der einen kleinen Freizeitpark mit mühlentypischen Spielgroßgeräten bauen. Wenn es klappt, ist es natürlich Essig mit unserer Pilgerstätte für Halbtote. Aber das war auch nicht die große Idee von mir, sich ständig leidende Menschen angucken zu müssen. Als Option können wir das ja mal im Hinterkopf behalten. Obwohl ich nicht glaube, daß von katholischen Fördertöpfen etwas zu holen ist.
Die erheben eher eine Heilungswundersteuer und der Verein blecht. Neeeeee!

Also bleibt erstmal der Park. Den will der Gunnar aber nur im Sommer nutzen, weil die Spielgroßgeräte alle was mit Wasser und Bewegung zu tun haben. Da fließt und klappert alles.

Das Mühlenkarussell zum Beispiel. Das wird mit Wasserkraft angetrieben. Dazu brauch der Gunnar aber das Wasserrad der alten Spanziehmühle wieder.
Nächste Woche hat er einen Termin bei Amnesdie indernäschnel*, um denen die Problematik näherzubringen, damit die Druck auf den Russen ausüben, damit der das Wasserrad wieder rausrückt.
Kontakt zur russischen Regierungsopposition hat der auch schon aufgenommen. Die sind bereit, so lange zu demonstrieren, bis das Wasserrad wieder an der Mühle hängt, wenn er ein paar Fördergelder unauffällig zu ihnen umlenkt. Der Gunnar weiß zwar im Moment nicht, wie er das machen soll, aber er ist zuversichtlich.
Über die Gesellschaft für deutsch-sowjetische Freundschaft müßte es gehen. Wenn es die nicht mehr gibt, gründet er sie eben neu. Nur will er vorher schauen, ob sich der ganze Aufwand auch lohnt und was für Fördergelder es dafür gibt. Die Frage, ob es überhaupt Fördergelder für eine Mühlradrückführung und die Pflege internationaler Kontakte gibt, stellt der sich gar nicht mehr. Er kann locker davon ausgehen.

So ein Mühlradnachbau kostet ja nicht die Welt, meint der Gunnar. Und ihn schon gar nichts. Es wäre aber schön, wenn er das alte originale Mühlrad wieder feierlich neueinweihen könnte, auch wenn das nach zwei Umdrehungen vor Altersschwäche auseinanderbricht.
Aber damit hätte er ein Zeichen gesetzt und die Medien und ein paar Politiker, also jene die sonst nichts weiter zu tun haben, würden großen Anteil am Geschehen nehmen.
An was für ein Zeichen der Gunnar da denkt, weiß ich nicht so recht. Aber ich vermute mal, daß er da auf jeden Anwesenden zeigt und die dann wissen, das sie für ein neues Mühlrad zusammenlegen müssen.

Später wenn der Park brummt und ordentlich Gelder dafür fließen, will er der Nadurevandpädagogig* ihre Chance geben. So den Kinder die Natur und ihre Komponenten darstellen. Wie alles zusammenhängt: Der Wald, das Wasser, das Leben an sich, Energie, also die Kräfte der Physik und so weiter. Das kennen sie zwar alles aus ihrer normalen Schule, aber hier könnte er den Lehrstoff den Kindern nachhaltiger vermitteln. Das darfst du dir jetzt nicht so vorstellen: Was passiert, wenn ein Kind in den Mühlgraben fällt?

Nein. Aber am Beispiel des Karussells und des Mühlrades kann man den Kindern schön die Kräfte der Natur erklären. Die Energie des Wasser treibt das Mühlrad an. Als Newtonmeter kriecht die über ein Getriebe und bringt das Karussell in Schwung. Das alles können die Kinder berechnen: Wieviel Energie da einzeln wirkt und sich verteilt, wieviele Newtonmeter jeder Fahrgast abbekommt und was für Kräfte wirken, wenn eine Hand ins Getriebe kommt.
Das natürlich nur theoretisch. Damit wecken wir bei den Lehrern das Bedürfnis nach einem Lehrgang in erster Hilfe, den wir kostengünstig anbieten und wir vermitteln, gegen eine geringe Provision, auch geeignete Anwälte falls der Schadensfall wirklich mal eintritt.

Im Mühlteich setzen wir ein paar Fische aus. Keine Goldfische! Das wäre zu auffällig. Ein paar Koi-Karpfen tun es auch. Den Kindern bringen wir dann den Angelsport näher. Die Angelscheinprüfung können wir zwar nicht anbieten, aber ihnen so etwas naturnahe Anregung für ihr Leben geben. Über dem Lagerfeuer kochen wir dann die Fische und lassen es uns dabei gut gehen.

Das alles geht natürlich nur im Sommer. Im Winter liegt da alles auf Eis. Unterricht können wir da nicht machen, dafür haben wir im Moment noch keine geeigneten Räume. Das wird noch. Nur ein paar Museumsführungen durch die Mühle sind bei Frost machbar. Aber der Gunnar hat da schon eine spektakuläre, später weiter ausbaufähige Idee.

Die ist der Hammer! So etwas hat es noch nicht gegeben! Das konnte ich dir vorhin noch nicht erzählen. Da hättest du mich glatt für verrückt erklärt. Aber jetzt, wo du weißt, wie wir hier im Tal so ticken, kann ich es dir erzählen.

Komm mal her und guck mal aus dem Fenster! Dort drüben, am Weg bei der Klärgrube, fehlt ein Stück Wald. Da hat der Försti schon Klarschiff gemacht. Da paßt genau ein Übertragungswagen vom Fernsehen und ein Rettungsauto hin. Vielleicht brauchen wir auch zwei Saniwagen, aber der Gunnar meint, daß einer reicht und zwei nur einen schlechten Eindruck bei unserem internationalen Publikum hinterlassen.
Der Bierwagen vom Schorchi steht gegenüber, gleich neben der Bockwurstbude vom Karli. Die brauchen wir für das Kädering*. Aber ob die dem Ansturm gewachsen sein werden, wage ich zu bezweifeln.
Zur Not müssen wir hier im Museum improvisieren und aus den Fenstern heraus verkaufen. Wir werden sehen. Improvisieren können wir, wie jeder ausgelernte DDR-Bürger gut im Tal. Aus nichts, mit nichts mehr! Das ist die Devise! Heute mehr als früher.
Nur haben das die Wessis nie gelernt. Da war es für unsere FDJlerin ein leichtes, Bundeskanzler zu werden.

Jetzt guck mal! Neben der Klärgrube hört die Straße auf. Aber nur scheinbar. Da fängt ein alter Schmuggelweg zum Tschechen an. Der serpentient sich über ca. 3km bis zum Berg hoch und dort über die Grenze zur Skibaude im Tschechischem. Die ist mit dem Auto zu erreichen. Das ist wichtig, weil die den Weg mehrmals runter müssen und schlecht wieder hoch kommen.
Wie bei der Fußball WM bilden wir erst Gruppen, dann geht es ins Viertelfinale, ins Halbfinale... Da kriegen wir ein Wochenende voll. Der Platz in Hanna's Tochter ihrer Pension wird nicht reichen bei den vielen Übernachtungen. Die habe ich natürlich schon alarmiert.
Der Gunnar meint, da muß das technische Hilfswerk mit einer winterfesten Zeltstadt ran. Mit dem Chef vom ganzen hat der schon geredet. Der meint, das es im Tal genug Platz für uns gäbe, sie eh nichts sinnvolles zu tun hätten und uns gerne mal helfen würden.
Das klingt bloß scheinbar wie eine Drohung. Hoffe ich.

Ahnst du schon was? Neee nicht? Als der Gunnar sich vorstellte, wie das alte Wasserrad wieder an seiner Mühle hängt und sich so vor sich hin dreht, gingen ihm so ein paar Naturgesetze durch den Kopf. Die Beschleunigung, Kraft ist Masse mal Geschwindigkeit, das Trägheits- und das Schwerkraftgesetz, das Mühlenerhaltungsgesetz, das Bekanntheitswerdgebot und die ich-bin-wichtig Regel.
All so einen Kram. Dann hatte er eine Vision ...

Mensch! Wir machen hier das erste Outdoor-Röhnradwinterwettrennen der Welt! Das ist der Hammer! Das gab es noch nie!

Was ist denn nun los? Der will mir doch jetzt nicht etwa abnibbeln? Der hat nicht mal komisch geguckt und ist einfach so vom Stuhl gerutscht? Was für ein Material schickt mir denn das Arbeitsamt? Wie will der denn das halbe Jahr hier durchhalten, wenn der jetzt schon schlapp macht?


*Amnesdie indernäschnel: Amnesty International
Nadurevandpädagogig: Naturerlebnispädagogik
Kädering: Catering

Fortsetzung folgt

Samstag, 8. Mai 2010

Die Kraft der zwei Stellen Teil 3

In jungen Jahren soll der Tommy mal in den Mühlteich gefallen sein. Seitdem ist der nicht totzukriegen. Oben auf dem Spukboden werden die Parapsychos nur ein paar Kratzspuren am Müllerselbstmordbalken finden, die sie sich nicht erklären können und an denen sie sich die Zähne ausbeißen werden. Bestenfalls werden die denken, daß das Kinderhände waren. Aber ein Kind mit so scharfen Fingernägeln? Die kommen nie darauf, daß dort der Kater am Werk war! Dem ist mal ein Traktor über die Pfoten gefahren ... Dem hat es nichts weiter getan, als das er jetzt etwas breitere Spuren hinterläßt.

14 mal ist der überfahren worden! 6 mal vom dem selben Traktor! 4 mal von einem LKW, zweimal vom Museumsbarkas, einmal hat ihn der Gunnar mit seinem Trabbi platt gemacht und letztens hat er seinen Gang durch den Mähdrescher angetreten.
Mal davon abgesehen, daß ihn der Försti ein paar mal erwischt hat. Die zwei können sich nämlich nicht leiden, seitdem der Tommy seine Rauhaardackelhündin gepreßt hat.
Der Rekord liegt bei 37 rausoperierten Schrotkugeln. Die mußte ich ihm auch höchstselbst mit der Augenbrauenzupfpinzette der letzten Müllerin entfernen. Der Tierarzt, beim dem der Tommy sonst immer war, ist einfach schreiend aus dem Fenster gesprungen, als er den Tommy gesehen hat. Irgendetwas von Teufelswerk hat der gefaselt und das eine Katze nur neun Leben hat, aber nicht unendlich viele. Der muß den Kater schon länger kennen als ich ...
Stimmt schon. 37 Schrotkugeln ... Da steht jede Kugel für ein Grad Körpertemperatur eines Menschen habe ich mir später überlegt. Was kann das bedeuten? Egal, im Erzgebirge treibt der Aberglaube noch seltsame Blüten.

Ich werde mal mit dem Gunnar reden, ob wir das mit der Pilgerstätte hinkriegen. Das Mühlteichwasser muß magische Kräfte haben. Guck dir doch mal die Katze an! Der sieht aus wie frisch geschlüpft!

Die Pilgerstätte ... Das wäre schön! Menschen, denen wir helfen können und denen wir mit Karlis Bockwürsten die Zeit in der Warteschlange zum Mühlteich verkürzen. Die Bierbude machen dann wir beide. Das wird ein Leben! Ein bißchen Bier zapfen und dabei Menschen retten. Da schlägt die Kaufkraft zu!

Ich muß einfach mal mit dem Gunnar reden! Wenn dem das eine Nummer zu groß ist, lassen wir einfach den Tommy in einer Schrottpresse verschwinden und erzählen den Leuten, das er im Mühlteich, nach heldenhafter Gegenwehr, Opfer von Piranhas geworden ist.
Da der Tommy im Tal bekannter als ein bunter Hund ist, drückt es bei der Todesnachricht den Leuten mächtig auf die Tränendrüse und sie können den ganzen Tag darüber gerüchten, wo die Piranhas herkommen. Wer die dort ausgesetzt hat, um den Museum zu schaden.
Damit wäre unser Ziel auch erreicht: Die Mühle ist wieder in aller Munde. Mal gucken, für was sich der Gunnar entscheiden wird. Wenn er die Pilgervariante wählt, habe ich schon einen Namen für unser Bierzelt: Zum Piranha!

Aber wir werden mit dem Bekanntwerden doch klein anfangen müssen. Erstmal kommt die Anzeige, die wir beim Horsti schalten werden. Erzähl ich dir dann. Das war auch eine Idee vom Gunnar.

Der Gunnar ... An seinem Namen kannst du schon erkennen, daß der unmöglich ein alteingesessener Bewohner meines Tales ist. An seinem Namen kann man kein i oder l zum verniedlichen anhängen, so wie es hier der Brauch ist.
Aber laß dich von seinem Namen nicht täuschen. So weich wie der klingt, so nach Sozialpädagoge mit einer schweren Kindheit, ist der Knabe keinesfalls.
Am besten kannst du dir ihn vorstellen, wenn du den Karl May und den Stülpner Karl in einer Person vereinst. Wie der mit den Fördertöpfen umspringt! Alle Achtung! Das mit unseren Museumsbarkas war auch so ein Husarenstück. Wie der sie rumgekriegt hat, das sie den Neuaufbau bezahlen! Was das gekostet hat! Da ist die Reparatur eines totalgeschrotteten Audi A4 nichts dagegen! Aber der Gunnar hatte sich in den Barkas verliebt, da kam kein anderes Auto in Frage.

Außerdem brauchen wir beide einen geräumigen Transporter, wenn die Anzeige geschaltet ist und wir zu den alten Leuten fahren.

Was hat der denen vom ›zinnernen Erzgebirge‹ nicht alles erzählt! Der Gunnar wußte doch, daß es schwer werden würde, den Fördertopf zu überzeugen, den Barkas zu restaurieren.
Also hat er alle Register gezogen: Daß ein modernes Auto nicht zu einem Fachwerkhaus paßt, was unter Denkmalschutz steht.
Daß der Barkas für die Leute im Tal selbst schon ein Denkmal ist. Die sind mit dem großgeworden und was hat das Auto nicht alles für sie getan! Früher hat der doch der Gemeinde gehört! Ins Ferienlager soll er die gefahren haben und im Winter in die Schule!
Jedes Jahr war der Barkas bei der Ernte mit dabei. Bei der Feuerwehr soll er auch ausgeholfen haben! Eine Kirmes ohne Barkas? Undenkbar! Wer hätte denn die Bockwürste rankarren sollen, wenn nicht der Barkas?
Kurz: Der Barkas ist die zentrale Figur im Tal. Mit ihm verbinden die Menschen schöne Erinnerungen und die Hoffnung, daß die Zeiten auch mal wieder so schön werden.
Wenn der Barkas in den Schrott geht, gefährdet das die ganze Region. Den Menschen hier würde damit die letzte Integrationsfigur genommen und sie würden keinen Sinn mehr darin sehen, im Tal wohnen zu bleiben und in die Stadt abwandern. Zur Jahrhundertflut hat der Barkas auch sein Auto gestanden, die Notversorgung mit übernommen und somit Leben gerettet.

Damit hat er den Fördertopf überzeugt und die haben die Kohle springen lassen. Denen ist gar nicht aufgefallen, daß der Gunnar mit keiner Silbe erwähnt hat, wozu er die Kiste überhaupt braucht und das es hier gar keine Flut gab? Nur 10cm erhöhter Wasserstand? Die Flut wurde erst später bei uns eingeführt und sie hat so manchem finanziell den Arsch gerettet. Dem Horsti zum Beispiel. Ohne sie wäre der nie bis Hamburg und zurück gekommen! Wer hätte das denn bezahlen sollen, wenn nicht der Fördertopf für Informationsdichte? Das erzähl ich dir dann später, sonst kommen wir hier durcheinander.

Später hat mir der Gunnar erzählt, daß er bei dem Barkas schön blöd gewesen ist. Er wäre besser gekommen, wenn er sich wie Münchhausen auf die Kanonenkugel geschwungen hätte, um den Fördertopf kompromißloser zu torpedieren. Wenn er das Auto gleich als Verfolgten der SED-Gewaltherrschaft dargestellt hätte, wäre vielleicht noch eine Opferrente für die Kiste drin gewesen und er müßte sich für die Sprit-, Versicherungs- und Steuerkosten keinen Kopf mehr machen. Schließlich hat die SED Führungsriege dem armen Barkas lebensnotwendige Ersatzteile vorenthalten und ihm nur, wenn überhaupt, mit schlechtem Sprit versorgt.

Aber man lernt ja nie aus und er wird schon einen Weg finden, um die Kosten für das Auto zu erwirtschaften. Eine Garage brauchen sie ja auch noch für unser Schmuckstück. Er meint, daß ihm dazu schon was einfällt. Wenn er zum Beispiel eine Hausmeisterstelle für die Garage genehmigt bekommt, aber den Tommy pro forma dafür einstellt, hat er die laufenden Kosten für den Barkas rein. Der Fördertopf weiß ja nicht, das der Tommy eine Katze ist und der Tommy weiß auch nicht, das er eine Hausmeisterstelle bekommen hat und dafür Geld verlangen kann.

Die haben sie jetzt beantragt. Die Garage. Eine Tiefgarage mit 20 Stellplätzen. Einen für den Barkas, 19 für die Vereinsmitglieder und eventuell noch für Besucher des Museums. Aber eigentlich wollen die eine Garage nur für den Barkas aber mit integrierter Selbsthilfewerkstatt für die Mopeds der Taljugend.
Jetzt wird es kompliziert: Beantragt haben sie die Tiefgarage, um einen Fachwerkbau zu bekommen. Der Gunnar meint, daß ein Fördermittelantrag und ein Schachspiel, so ziemlich das selbe ist.
Die bezahlen einem doch auch nicht alles. Als der Horsti vorigen Jahres endlich in Hamburg angekommen ist und, um die Informationsdichte im Osterzgebirge für die ländliche Bevölkerung zu erhöhen, ein U-Boot plus Besatzung mieten wollte, haben sie den auch gestoppt. Da ging kein Weg rein und der Horsti hat gerade noch so die Rückfahrkosten erstattet bekommen.
Seitdem ist der Horsti beim Fördertopf etwas in Ungnade gefallen und er muß erst mal still halten, bis Moos über die Sache gewachsen ist.

Daraus hat der Gunnar gelernt. Er meint, daß der Gegner, also der Fördertopf, erst einmal einen Riesenschreck bekommen muß, vor dem was er wieder alles bezahlen soll. Gleichzeitig mußt du ihm aber, wie beim Schach, eine Fluchtmöglichkeit lassen, die er dankbar annimmt, um dir völlig in die Falle zu laufen.
Ist die Finte richtig angesetzt, stürzt er sich in dein Schwert, ist auch noch glücklich dabei und denkt, daß er die Fäden in der Hand hatte. Die Problematik kennst du doch. So mehlig-grau wie du um die Nasenspitze aussiehst, wurdest du auch geheiratet.

Der Fördertopf mahnte also an, daß eine einfache einbruchsichere Garage als Wetterschutz für den Barkas reichen muß. Schließlich hat er das Teil bezahlt und kann sich nun schlecht aus der Werterhaltung desselben raushalten. Damit hat der Gunnar gerechnet und setzt nun zur Rochade an.
Das der Försti schon längst mit im Mühlenboot sitzt, weiß ja keiner. Der hat nun ein Schreiben aufgesetzt: Das er von dem geplanten Garagenbau an der Mühle gehört hat und daß er da so seine Befürchtungen wegen dem Tierschutz hat. Es könnte sein, daß dort eine Population mit der kleinen Hufeisennase lebt und flattert. Das ist eine äußerst seltene und schwer geschützte kleine Fledermausart, die eigentlich nur in Gebieten vorkommt, wo Brücken gebaut werden sollen. Ihre Nase ist sehr feinfühlig und wirkt wie ein Hufeisenmagnet.

Sobald die merkt, daß in einem Gebiet eine Brücke gebaut werden soll, ist die nicht mehr zu halten und siedelt sich dort sofort an. Warum auch immer.
Gott wird sich schon etwas dabei gedacht haben, als er sie erschuf.
Weiter schreibt der Försti, daß es sein kann, daß die kleine Hufeisennase, um ihre Art erhalten zu können, mutiert sein muß. So viele Brücken werden ja nicht mehr gebaut. Da wird der Lebensraum knapp für die Fledermaus. Es könnte sein – er betont: Es könnte sein, daß diese mutierte Unterart sich nun dort ansiedelt, wo neu gebaute Garagen geplant sind. Das wäre wissenschaftlich zu untersuchen und der Garagenbau wäre im Lebensraum der Fledermaus nur noch unter Tage möglich. Bis ein genaues Gutachten der Tierschutzbehörde vorliegt, würde er nur den Bau einer Tiefgarage befürworten. Alles andere müßte er bis dahin stoppen, um die zu schützende Fledermaus zu schützen.

Es sei denn, die Garage wäre ein kleiner Fachwerkbau des frühen Barocks. Die Wissenschaft hat festgestellt, daß die kleine Hufeisennase, mit diesen Bauten merkwürdigerweise kein Problem hat, und es als Lebensraum annimmt. Die würden einfach im Dachboden bammeln und schlafen. So ein Bau wäre kein Problem.

Dann hat er, mit einem grünen Marker, sein Spendenkonto dick unterstrichen.
Der Fördertopf hat den Wink verstanden und ein paar Euros überwiesen, damit von dem Försti keine Gefahr mehr ausgeht und der alle Fünfe gerade sein läßt.
Falls doch jemand mißtrauisch werden sollte, und mal gucken kommt, ob an der kleinen Hufeisennasenstory was dran ist, malen wir dir einfach ein kleines u auf die Nase und du flatterst ein bißchen durch das Gebüsch.
Nein, das war ein Scherz.

Dann haben die vom Fördertopf den Gunnar angerufen und ihm erzählt, das der Landschafts- und Tierschutz eine Tiefgarage nicht genehmigt, weil dort der Lebensraum der kleinen Hufeisennase wäre und er sich mit einem ganz kleinen einstöckigen Fachwerkbau begnügen muß.
Da hat der schnell eingelenkt und erklärt, das er damit einverstanden wäre, wenn wenigstens ein Extraraum für eine Selbsthilfewerkstatt mit dabei ist. Werkzeuge inklusive.
Das bißchen Jugend, was noch im Tal lebt, würde nämlich abwandern, wenn die nicht wissen, wo sie ihre über zwanzig Jahre alten S-50 Mopeds ganz schrauben könnten. Außerdem könnte man dort auch gleich den Barkas warten und müßte nicht jedesmal in die teure Werkstatt fahren.
Als Kfz-Mechaniker mit pädagogischer Zusatzausbildung hätte er den Barkas und die Jugend im Griff.

Der Fördertopf hat freudig zugestimmt und wurde von der Kontrollkommission gelobt, wie verantwortungsvoll er mit seinen Mitteln umgeht.
Siehst du: Der freudige Schwertsturz. Von dem Gunnar können wir alle lernen. Der hat jetzt schon den Spitznamen Möllemann des Ostens weg.

Mensch! Du machst mich ganz wuschelig mit deinem flattrigen Blick! Kannst du nicht sportlich gucken? Das könntest du gebrauchen... Weiter geht es!

Fortsetzung folgt

Mittwoch, 5. Mai 2010

Die Kraft der zwei Stellen Teil 2

Sag mal: Weißt du, wie so ein Paßwort aussieht? Ja, das habe ich mir schon gedacht, daß es da verschiedene gibt. Sonst macht das ja auch keinen Sinn. Irgendwo habe ich mir das auch aufgeschrieben. Aber wo? Ach, mir fällt das schon wieder ein. So alt bin ich nun auch noch nicht, daß ich mir nichts mehr merken kann.

Um die Zeitung mußt du dir auch keinen Kopf machen. Die Artikel übernehmen wir vom ›Ost-Erzgebirgsexpress‹. Mit dem Horsti habe ich geredet, der hat nichts dagegen. Er meint, wenn er schon auf deutsch nicht gelesen wird, so werden seine Ergüsse in Mundart geschrieben, wenigstens angeguckt. Lesen kann man den Mundarttext eh nicht wirklich, aber das ist ja auch nicht Sinn und Zweck unserer Zeitung.
Die geben wir ja nur heraus, damit du die Karteikarten abtippen kannst und hier ein schicker Computer steht. Zum repräsentieren. Was sollen denn die Fernsehleute von uns denken, wenn die hier nur Karteikarten sehen? Aber wie gesagt: Das erzähl ich dir später. Das wäre jetzt etwas zu viel für dich.

Du guckst schon wieder so komisch? Als hättest du Heimweh!
Du wirst dich schon schnell hier eingewöhnen. Nächste Woche hast du dich hier eingelebt und du bekommst deine Inventarnummer von mir feierlich überreicht.

So, der Kaffee ist durch. Gib mir mal deine Tasse!

Mundart ist nämlich eine Art Deutsch, was keiner versteht und eigentlich auch keiner mehr spricht. Deswegen wollen wir sie ja pflegen und erhalten. Im Tal konnte eigentlich nur noch der alte Holzmichel im Originaldialekt palavern. Wenn der einen Urania-Heimatabend im ›Kahlschlag‹ abgehalten hat, war die Kneipe voll. Da ist kein Tourist an der Abendkasse mehr reingekommen, weil der Schorschi die Karten unter der Hand losgeworden ist.
Was wurde da gemauschelt, um an so eine Karte zu kommen! Das waren Zeiten! Eine Stimmung war da im ›Kahlschlag‹! Was haben wir gelacht! Der Schorschi ist mit dem Bierzapfen gar nicht mehr hinterhergekommen und hat dann nur noch Flaschenbier verkauft, weil das schneller geht.

Du mußt dir vorstellen: Da sitzt so ein halber Festmeter Waldgnom in der Ecke und erzählt und erzählt über die Heimat und deren Geschichte. Dabei springt der ab und zu mal wild gestikulierend auf, aber du verstehst kein einziges Wort! Nicht ein einziges! Dabei klingt das einfach nur zum Schreien! Die Leute haben getobt vor Lachen! War das schön!

Vorbei! Der alte Holzmichel ist nun auch schon lange tot und im Tal hat sich doch, seit dem Krieg wie in der ganzen Republik, als Dialekt das Parteichinesisch breit gemacht, was ja auf dem Hochdeutschen basiert. So konnten sich die Erzgebirgler Arbeiter und Bauern, auch mal im FdGB-Urlaub, mit den Fischköppen unterhalten. Die sprechen ja kein Platt mehr, sondern das ›Klock-acht-Achtern-Strom‹ Deutsch des DDR-Fernsehens.
Weißt du noch? Der Horst Köppert mit dem: ›Auf Wiedersehen in Rostock! In Rostock in der Hafenbar!‹ Die Bar wo der Kuddeldaddeldu rumgeisterte?
Mit dem ›Oberhofer Bauernmarkt‹ konnten wir Sachsen und Thüringer da locker gegenhalten. Wobei der Herbert Roth da nicht mitgezogen hat. Den kennst du doch auch noch. Den Volksmusikbarden? Die Thüringer Antwort auf Elvis Presley?
Kein einziges Lied hat der in Mundart verfaßt, nur in Hochdeutsch hat der gedichtet. Was hatten die Amis für einen Schiß vor dem Herbert! Nicht ein einziges mal haben die dem im Radio gesendet. Der hätte locker alle Charts und den Elvis plattgemacht.

Der Herbert Roth hat nur in Hochdeutsch getextet, weil er mit dem Gebrauch der Mundart ein Problem hatte, das uns zu gute kommt. Es gibt nämlich keinen einheitlichen Dialekt und vor allem keine gemeinsame Schreibweise. Hier macht doch jedes Tal schon immer was es will, also quatschen die auch alle durcheinander.
Für was für einen Sprachgebrauch hätte sich denn der Herbert entscheiden sollen? Ohne irgendeinen Hinterwäldler auf den Schlips zu treten? Es gibt nun mal keinen Duden für diesen Sprachsalat hier! So können wir in der Zeitung schreiben wie wir wollen. Da machen wir uns eben unsere eigenen Rechtschreibung und können uns beide dann darauf einigen, ob wir Tier oder Dier nehmen, wenn wir eine Tür meinen. Ist das nicht herrlich! Man kann einfach nichts falsch machen beim Mundart schreiben!

Der neue Vereinsheini wollte zwar einen einheitlichen Leitfaden für den ganzen Erzgebirger Sprachgebrauch erarbeiten, aber das habe ich dem schnell wieder ausgeredet. Das steht zwar noch in der Zielstellung des Vereins zur Mundartpflege, damit der Fördertopf zufrieden ist, aber es wird vereinsintern nicht mehr angestrebt.
Mensch, das gibt doch hier einen Bürgerkrieg, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat. Zänkisch und streitbar wie die Eingeborenen hier sind, kämpfen die doch über jede Schreibweise bis auf das Messer! Um jeden Buchstaben jedes Wortes.

Da springt doch der alte Holzmichel aus der Grube, wenn der erfährt, daß jemand an seiner Sprache rumdoktort.

Wenn der noch leben würde, wäre das alles kein Problem. So als legendäres Ur- oder besser Erzgestein vom ganzen Gebirge, hätte der genug Autorität um den Leitfaden durchzudrücken.
Der war doch nicht nur in jedem Tal des Erzgebirges zu Hause, sondern hat auch in jedem Tal mindestens zwei Kinder und 6 Enkel. Da würde sich keiner dagegen zucken. Aber so?

Da fällt mir ein: Wenn wir nun einen spektakulären Fund machen? Auf dem Dachboden des Museums?
Des alten Holzmichels Testament? Mit der genauen Darlegung und Übersetzung des Erzgebirgischen in das Hochdeutsche?
Natürlich getürkt von uns. Wir leisten die Vorarbeit, übersetzen und wenn wir das Wörterbuch fertig haben, schalte ich den alten Gustl ein. Der kann noch richtig Sütterlin schreiben wie der alte Holzmichel. Der schreibt dann unser Machwerk auf altes vergammeltes Papier und wir finden das dann hier im Rahmen unserer ABM. Das brummt in den Medien! Die Schmierfinken posaunen doch immer aus, daß so eine ABM-Maßnahme wie unsere völlig sinnlos ist und nur Geld kostet!

Neee, mit dem Fund schreiben wir Heimatgeschichte! Das wird den Fördertopf und die Arbeitsanstalt freuen! Wir haben dann was bewegt! Heute ist Montag, also Vorstandssitzung. Wie jeden Montag. Da sich der Verein der Taditionspflege verschrieben hat, und die Partei Montags ihre Versammlungen abhielt, haben sie den Termin beibehalten. Da treffe ich den Gunnar, also den Neuen.
Der wird sich freuen über unsere Idee! Der sagt immer: Die Mühle muß immer in aller Munde sein! Immer! Egal wie! Dadurch wird die eine Instanz und unantastbar! Damit meint er natürlich sich.

Das getürkte Holzmicheltestament paßt dem doch völlig in den Kram. Eine Sprachrevolution, die das Museum losgetreten hat. Das Volk folgt andächtig, weil es des Holzmichels letzter Wille ist, ein paar Sprachforscher haben schon immer gewußt, daß so die reine erzgebirgische Mundart gesprochen wird und überall steht sein Name als Sprecher des Museums darunter. Wenn es dann heraus kommt, das alles nur Mumpitz ist: Um so besser. Dann steht er als Märtyrer da, weil ihm jedes Mittel recht war um das Museum zu retten. Das nennt man Pablig reläschen* und sein Ruhm schnippst in die Wolken.

Uns rennen sie sowieso schon die Bude ein, weil sie das Testament sehen wollen. Das wurde hinter Panzerglas verbannt und wir verdienen uns unsere Brötchen damit, daß wir den Touristen erzählen, wie wir es gefunden haben. Die ganzen merkwürdigen Umstände, die nur einen Schluß zu lassen: Daß der Geist vom alten Holzmichel uns zu dem Versteck geführt hat. Das lag ja nicht einfach so herum. Klar, ab sofort spukt da oben der Holzmichel auch mit herum! Mit dem Spanziehmüller verbindet den eben eine alte Fehde, die sie nun in der Geisterwelt weiter austragen.

Mensch da raucht mir der Kopf! Da wird der Gunnar mit dem Horsti und dem Karli, beim Schorchi im Kahlschlag, ganz schön dichten müssen, um eine plausible Legende zu basteln. Es gibt ja auch andere Täler und alle haben sie ein Heimatmuseum. Da wird uns Neid und Mißgunst entgegenschlagen. Dort sitzen nur Zweifler und Nörgler, die um ihren Anteil an der Fördertorte bangen.
Aber der Gunnar hat die Bande schon im Griff. Was gab es damals für ein Remmidemmi, als daß mit unserem Barkas ruchbar wurde! Und? Jetzt steht er unten! Das Schmuckstück!

Vor den Parapsychos, die dann anrücken werden, um den Spuk zu ergründen, brauchen wir gar keine Angst haben. Da kriegst du einen alten Bettbezug umgehangen und du hüpfst nachts ein wenig auf dem Boden herum. Dabei klingst du wie ein Mühlrad und geiferst etwas auf Mundart.
Nein, das war ein Scherz.
Die finden da oben nichts außer verstaubtes Gerümpel und unser geheimnisvolles Versteck. Wenn wir Glück haben, gibt es ein paar Abnormalitäten im Erdmagnetfeld, aber das war es dann auch schon. Wenn sie nichts finden, nicht mal den Spuk selber, müssen sie notgedrungen an etwas unerklärliches glauben. Somit wäre dann der Spuk bewiesen. Jede Religion funktioniert nach diesem Prinzip.

Da kommt mir eine Idee: Ob wir hier nicht eine Pilgerstätte einrichten? Die wundersame Heilkraft des Mühlteichwassers? Guck mal rüber auf die Ofenbank. Da liegt der Tommy, der Mühlenkater. Mit dem stimmt was nicht. Das Vieh ist uralt aber fit wie eine Blendgranate. Wenn die Talmiezen röllig werden, springt der wie ein junger Hirsch.

Was denn nun? Soll ich die Wände blau anstreichen? Damit du hier weniger auffällst?

*Pablig reläschen: Public Relation
Fortsetzung folgt

Samstag, 1. Mai 2010

Die Kraft der zwei Stellen (hinter dem Komma) Teil 1

Zum Gedenken an die Geschichte des internationalen Kampftages der Arbeiterbewegung folgt nun ein aktueller Beitrag aus dem Zeitgeschehen. Obwohl der Ort der Handlung und alle aufgeführten Personen frei erfunden wurden, sind Übereinstimmungen oder Ähnlichkeiten mit lebenden Akteuren, deren Einrichtungen und ihren Anstalten nicht zufällig, gewollt und somit voll beabsichtigt. Die Dichtkunst läßt der Wahrheit eben ihren Spielraum.

Erlitten, erduldet und geschrieben im Jahre des Herrn 2007.

– Der härteste Edelstein heißt Realität. –
Osterzgebirge. Sommerhitze. Das Ende eines schmal zulaufenden Tales, welches in einen Berg übergeht. Neben einem zweistöckig, einsamen Fachwerkhaus, plätschert ein Bach müde ins Tal und eine unbefestigte Straße steuert am Gebäude vorbei, auf eine kleine Klärgrube zu. Zwei Männer um die 50 beginnen ihren ersten gemeinsamen Arbeitstag. Obwohl sie im Obergeschoß stehen, sind sie noch lange nicht dort angekommen...

»So, erstmal das wichtigste: Die Anwesenheitsliste. Dich kann ich sehen, du bist nicht aus dem Tal, da würde ich dich kennen. Also bist du da und ich bin auch da, sonst könnte ich hier nicht zwei Kreuzel machen. Das war es. Wir sind ja nur zu zweit.
So, jetzt setzen wir uns erstmal und trinken einen Kaffee. Milch steht neben der Kaffeemaschine.

Gemütlich hier nicht? Wie in einer Schnitzerecke. Da fühlt man sich gleich wie zu Hause. Nach der Arbeit noch ein bißchen am Nußknackerrohling rumsäbeln, über die Arbeit nachdenken, was man dabei so besser machen könnte bis die Mutti das Abendbrot fertig hat.

Womit wir am Knackpunkt wären. Eine richtige Arbeit haben wir alle beide nicht. Ist ja bloß eine ABM hier und das ist auch keine Schnitzerecke, sondern unsere Operationszentrale. Am besten, ich erzähle dir erstmal was über die *Lokäschen*, bevor ich zu unseren Aufgabenschwerpunkten komme.

Also, wie du es schon mitbekommen hast, ist das hier ein Heimatmuseum. Uralt, das gibt es seit 1910. Vorher war das mal eine Wassermühle. Genauer eine Spanziehmühle. Da haben sie Späne von Holzbalken gezogen. Für Hutschachteln und kleine Spielzeugtannenbäume. Aber die Geschäftsidee war es nicht, und die große Hektik soll hier auch nicht geherrscht haben. Seitdem hat bei uns im Tal die Redewendung ›Späne machen‹ eine andere Bedeutung als landläufig. Da ist keiner groß am Hobeln, sondern der redet nur drüber. Da wird nichts.

Der letzte Sproß, in der vierten Generation, des Mühlengründers hat sich auf dem Dachboden aufgebammelt, als seine Frau vom Span genug hatte und von Dannen gezogen ist.
Seitdem soll es da oben spuken. Manchmal, des Nachts, hört man, wie sich das alte Mühlrad dreht und deutlich eine Stimme, die da ruft: Maria! Komm zurück! Der Span ist fertig! Andere meinen die Stimme ruft: Maria! Komm zurück! Das Essen ist fertig!
Alles Quatsch! Aber den Spuk sollen wir auch für das Museum mit vermarkten. Das erzähle ich dir später. Jetzt verwirre ich dich nur damit.

Bis '45 hat die Gemeinde hier einfach alles stehen und liegen gelassen und die Hütte einfach zum Heimatmuseum erklärt. Dann kam der Russe. Der hat die Maschinen und das ganze Inventar als Reparationsleistung mit in die Taiga genommen. Nicht mal das Wasserrad haben sie da gelassen. Da sah die Gemeinde ganz schön alt aus. Das waren eh alles Alte. Die Jungen sind ja im Krieg geblieben.

Bis ein junger Neulehrer, der Becker Fritz, auch schon tot, sich der Sache angenommen hat. Damals war ja Aufbruchstimmung. Entweder sind sie in die LPG aufgebrochen oder in den Westen. Die einen haben ihre Regale ausgeräumt, neu bestückt und die anderen haben alles stehen und liegen gelassen. Es war also genug altes Gerümpel da, was er hier ankarren konnte. Naja, und zusammen mit der DDR ist es dann im Laufe der Zeit verstaubt.
Für die DDR hat sich, zum sauber machen, keine ABM Kraft angefunden, aber für die Exponate hier schon. Ich weiß gar nicht, wie lange ich hier schon bin und als was. Einmal als ABMer, dann als Eineurojobber, wieder ABM und so weiter. Ein Jahr lang war ich hier sogar ehrenamtlich unterwegs. Wenn du es so gewohnt bist...

Willst du noch einen Kaffee? Ich will gar nicht wissen, was du verbrochen hast, daß dich das Arbeitsamt hierher schickt. Von der Stadt durch das Tal – das ist ein Stück Weg! Da fährt doch nichts öffentliches. Ja, mit dem Fahrrad geht es: Im Sommer! Im Winter gibt es hier meistens nur Schlamm. So hoch gelegen sind wir nicht, daß wir einen auf Wintersport machen können. Schon gar nicht, seit die globale Erwärmung an unser Tal klopft.
Aber der Verein wird dir schon ein paar Gummistiefel und eine Warnweste, falls doch mal ein Traktor kommt, sponsern und du kannst dein Fahrrad in den Winterschlaf schieben. Da stehst du einfach zwei Stunden eher auf und bist zu Fuß trotzdem pünktlich hier. Hier wirst du nämlich gebraucht! Da hast du wenigstens was zu tun und dir fällt zu Hause nicht die Decke auf den Kopf!

Willst du noch ein Schluck Kaffee? Du guckst so komisch?

Also, der Laden hier wird von einem Verein am Leben gehalten. Naja, was die unter Leben verstehen. Zumindest soll das Museum jetzt wiederbelebt werden. Da brauche ich dich! Das schaffe ich nicht allein. Ein bißchen hausmeistern und katalogisieren – mehr geht alleine nicht.
Kurz: Wir sollen Schwung in den Laden bringen! Das Museum erweitern und überregional bekanntmachen. So dass auch mal ein Besucher kommt. Der sich auch hierher findet und so.

Die Idee dazu hatte unser Neuzugang im Verein. Das ist so ein Zugezogener in der zweiten Generation. Bei den vielen Alteingesessenen giltst du bei uns im Tal erst in der 4. Generation als eingesessene Familie.
Und was für Ideen der hat! Da wird einen ganz schummrig! Erlebniswanderwege will er gestalten! Bildungsangebote für Schulen schaffen! Scheune anbauen! Überhaupt das ganze Museum erneuern! Öffnungszeiten einführen! Führungen in Mundart durchführen! Im Internet ein paar Webseiten gestalten und ein Spanziehmühlenforum moderieren! Und! Und! Und!
Was der mit dem alten Schmuggelsteig vorhat, der hoch zum Berg an die Tschechengrenze führt, erzähle ich dir später. Dafür bist du noch nicht reif, das verkraftest du jetzt noch nicht.

Als ich den das erste Mal gehört habe, war mir alles klar: Der hat eine Fehlschaltung im Gehirn. Aber dann habe ich mir gesagt, daß wir genau solche Leute brauchen: Genau diejenigen, bei denen eine produktive Vollmeise im Kopf rumschwirrt. Sonst wird hier nichts.
Er hat ja Recht: Was nützt ein Museum, was keine Besucher findet? Und falls sich doch einer hier her verirrt, da brauchst du viel Talent im Verirren, um auf die Mühle zu stoßen, weißt du ja selber, hat das Museum gar nicht auf?
Ist ja keiner da, der hier Besucher empfangen kann.

Die paar Schulklassen, die ich über das Jahr mal reinlasse, kannst du an einer Hand abzählen und die drei Besucher letztes Jahr, waren reiner Zufall. Die hatten sich beim wandern total verfranzt und wollten eigentlich nur aufs Klo. Das haben sie sich aber nicht getraut zu sagen. Denen habe ich eiskalt 6 Euro Eintritt abgeknöpft.
Eigenmittel muß der Verein ja auch erwirtschaften. Der kann nicht immer nur gefördert werden, sagt der Neuzugang. Obwohl die Zeit, für Geld von oben abfassen, günstig ist.
Sagt dir das ›zinnerne Erzgebirge‹ etwas? Mir auch nicht viel. Das ist irgend so ein Projekt, was unser Osterzgebirge zum Fördergebiet erklärt hat. Um die Abwanderung zu stoppen und Arbeitsplätze zu schaffen. Angst haben die, dass hier irgendwann mal der Letzte das Licht ausmacht. Recht haben die.

Guck dir doch mal unser Tal an: Da kannst du nur noch wohnen und aussterben. Da gibt es nix! Bis auf den Frisör und drüben am Hang den ›Kahlschlag‹. Das ist die Schenke vom Schorchi.
Die Schule ist zu, der Konsum dicht, die Post-Christel und der Arzt längst gestorben. Der Rest altert so vor sich hin.
Da müssen wir Akzente setzen, hat der Zugezogene erklärt. Die Mühle florieren lassen, damit Besucher kommen und die Kaufkraft ins Tal fließt.
Wobei ich nicht weiß, was die Kaufkraft hier im Tal will. Wir haben doch nicht mal einen mobilen Gemüse-Fidschi. Bloß unten an der Fernverkehrsstraße, die hoch zu Grenze führt, den Karli. Der fettet mit seiner Pommesbude die Brummifahrer ein und dann ab. Aber den seine Steuern bringen es doch auch nicht.
Milch und Honig würden mit dem ›zinnernen Erzgebirge‹ zwar auch nicht fließen aber wenn man es richtig beantragt, geht schon mal eine Fischbüchse den Bach runter.
Recht hat der Gunnar.

Der Horsti ist das beste Beispiel. Der hat doch den ›Ost-Erzgebirgsexpress‹. Den wirst du nicht kennen. Das ist kein Zug, nicht einmal eine Zugnummer, sondern ein Wurstblatt von einer Anzeigenzeitung. Die lief nie so richtig. Wer soll denn hier auch Anzeigen schalten? Hier gibt es doch kein Gewerbe außer dem Frisör.
Aldi hat darin mehr über den Fahrplan des Verkehrsverbundes informiert, als über seine Preise, damit sich einer aus dem Tal in die Filiale der Stadt hin- und wieder zurückfindet.
Also hat der so vor sich hin gedümpelt, bis der mit dem Karli, im Kahlschlag beim Schorchi, die Idee hatte: So breit wie die alle waren, haben die einen Verein gegründet. Mit von der Partie war ein Veteranentreffen aus dem Krieg, was da auch gerade mit am Saufen war. Die wollten sich das Tal noch einmal ansehen, in das sie sich vom »Volk braucht Raum« Feldzug auf dessen Rückweg verirrt hatten.
So verfahren konnte man sich auch damals eigentlich nicht. Hast du den alten Armee-LKW an der Feuerwehr gesehen? Denen sind die Tränen gekommen, als sie das gute alte Stück wiedergesehen haben. All die Jahre hat sich die Feuerwehr um das Ding gekümmert. Ein bißchen Traditionspflege eben. Die sind nämlich gar nicht weitergefahren damals. Zur Hanna in die Scheune sind sie gezogen und haben sich gesagt, daß für sie nun der Krieg vorbei ist. Hier findet sie keiner, auch der Russe nicht. Recht hatten die!

Der Russe ist rein ins Land und gleich bis Dresden durch. Der hat sich gesagt: Da gucken mir später mal nach, was da im Wald ist. Ganz Sibirien haben die doch auch unter Kontrolle! Da ist das Osterzgebirge mit inbegriffen. Da konnten die Talleute noch so die weißen Fahnen raushängen! Als der Russe sich dann ein Jahr später mal bequemt hat, im Tal nach den Rechten zu gucken, hatten es die Leute schon längst aufgegeben, sich nach den Regeln der Kriegskunst ergeben zu wollen und die weißen Lappen längst wieder eingeholt. Die damals noch jungen Veteranen haben auch großzügig auf eine Gefangennahme verzichtet und sich in alle Winde verdrückt. Naja, da hat der Russe die Mühle entdeckt und mitgenommen.

Die haben also alle zusammen beim Schorchi einen Verein gegründet:
Den ›Verein zur Förderung der Informationsdichte der ländlichen Bevölkerung im Osterzgebirge‹.

Ist dir nicht gut? Du guckst so komisch? War anstrengend hier her zu kommen, wenn man nichts mehr gewohnt ist und nur mit der Bierpulle auf der Parkbank rumlungert. Selters steht da drüben und die Kasse des Vertrauens gleich daneben.

Eingetragen haben sie den Verein und dessen Gemeinnützigkeit beantragt. Die haben sie auch bekommen, weil ein Informationsblatt das Bildungsniveau der Landbevölkerung hebt, die Gemeinschaft stärkt, einen Arbeitsplatz zu sichern droht und damit als gemeinnützig anzusehen ist. Überzeugt hat die vor allem, daß der Horsti auch Verbraucherinformation betreibt und damit Eigenmittel erwirtschaftet. Das ist auch den Verantwortlichen der Fördermittelvergabe wichtig. Die fördern jetzt den Horsti, damit der die Region stärkt.
Alle sind zufrieden. Der Horsti hat nun ein geregeltes Einkommen und die Projektierer vom ›zinnernen Erzgebirge‹ sind auch glücklich, weil sie viel für die Region getan haben.

Und genau da haken wir ein. Beim Horsti und bei den Fördertöpfen. Du hast dich bestimmt schon gewundert, warum du hier kein Schild an den Exponaten lesen kannst. Die sind in Mundart verfaßt. Das wird jetzt ein bißchen kompliziert: Aber du wirst das schon durchstehen.
Guck dir mal den Computer hier an. Ein tolles Teil! Wenn der ein Auto wäre, würdest du von null bis an die Schallmauer drei Sekunden brauchen. Der macht was her! Die Vereinsleute wollten ihn unbedingt, haben aber keine Fördermittel dafür bekommen. Recht haben die Förderleute!

Wozu brauche ich hier so ein Teil? Das Gerümpel katalogisieren kann man auch mit Karteikarten. Siehst du ja hier. In dem Schrank ist noch genug Platz, für ein Dutzend Ramschkisten mit Karteikarten. Aber nein! So ein Rechner mußte es unbedingt sein. Also haben sie die Veteranen aktiviert und flugs einen neuen Verein gegründet. Die selbe Mannschaft in einer neuen Version sozusagen.
Genannt haben sie sich ›Verein zur Förderung der Mundartpflege und der Erhöhung der Informationsdichte im ländlichen Osterzgebirgsraum‹. Merkst du was?
Das selbe wie beim Horsti nur sind die ein Lewel* weiter. Als erstes haben sie hier alle Hinweisschilder in Mundart übersetzt, damit der Fördertopf merkt, daß es ihnen ernst ist und ihnen die Gemeinnützigkeit anerkannt wird. Die haben sie prompt bekommen, weil sie planen eine Zeitung herauszubringen, die in osterzgebirgischer Mundart geschrieben werden soll. So ein gemeinsamer Dialekt schweißt die Menschen in unserer Region ja zusammen und stoppt die Abwanderung.

Wenn man einen Dialekt pflegen und erhalten will, muß man ihn ja auch gebrauchen. Aber zum Zeitung machen braucht man eben ein Computer. Das hat der Fördertopf eingesehen und nun steht das Schmuckstück eben hier.

Das wird auch erstmal dein Arbeitsmittel sein. Die Karteikarten mußt du in den Computer tippen. Damit wir die nochmal haben so als Sicherheit. Bäckappen*. Kann doch mal passieren, daß einer eine Tasse Kaffee über die Karten kippt. Dann wissen wir nicht mehr, was wir da unten an Exponaten zu stehen haben. Das geht nicht.

Soll ich noch einen Kaffee ansetzen?

Damit fangen wir besser früher als später an. Wenn mir das Passwort für den Computer wieder eingefallen ist, legst du erst mal los mit dem katalogisieren.
Die Zeitung machen wir später. Das braucht schon seine Anlaufzeit. Geförderte Mühlen mahlen nun mal langsam. Das liegt in der Natur ihrer Sache.

Wenn man dich so ansieht, fällt einem richtig auf, dass hier schon ewig mal renoviert werden müßte, so weiß wie du bist. Wenn der Kaffee durch ist, trinkst du noch ein Schälchen, der wird dir gut tun! Du hast ja keine Ahnung, was ich dir noch alles erzählen werde. Komisch gucken kannst du später...


*Lokäschen: Location
Lewel: Level
Bäckappen: ein Backup machen

Fortsetzung folgt