Untergehen ist das Eine, unter der Oberfläche bleiben das Andere. ;-)

Mittwoch, 24. November 2010

Eiseierlauf


»Diese Schweine! Auf die Schnauze hauen, müßte man denen!«

Ein ca. sechzig Jahre altes Männel rudert, nach Halt suchend, mit den Armen. Dabei verheddert er sich mit seinem viel zu langen Schal und seinem Dederon-Einkaufsbeutel, dreht sich einmal um die eigene Achse – diese neigt sich, kippt – der Beutel löst sich von seiner Hand, folgt den Gesetzen der Zentripedal-, Zentrifugal- und der Fliehkraft, startet mit einem 45° Winkel in die Nacht und über den verschneiten Zaun, zu einem verwehten Vorgarten, und Beide – der Mann und sein Beutel – schlagen fast zeitgleich auf. Der Beutel im Schnee und der Mann auf dem hucklig vereisten Fußweg.

»Diese Schweine! Wenn ich die erwische! So eine Sauerei ist das hier!«

Er rappelt sich auf, klopft sich den Schmutz und den harten Schnee von der Hose und schaut sich tief empört nach seiner Einkaufstasche um.

»Diese Schweine! Von dort komme ich! Denn da wohne ich! Schon seit über vierzig Jahren! Das sind von hier nicht mal hundert Meter. Vor einer Stunde bin ich los. Einkaufen. Die Eier waren alle. Also dachte ich mir, gehste mal los Eier holen. Die esse ich doch so gern. Weichgekocht. Viereinhalb Minuten oder Fünf. Je nachdem wie groß die sind.«

Das Männel klebt jetzt hockend bis zur Schulter im Zaun. Sein rechter Arm reicht durch ihm durch, aber nicht weit genug, um den Beutel greifen zu können.

»Diese Schweine! Bis zur Kaufhalle bin ich gekommen. Die Neue! Gleich da drüben ist die. Keine hundert Meter von hier. Kurz davor bin ich das erste mal hingekracht. Da hatte ich die Eier noch nicht! So eine Scheiße, dachte ich mir. Die schöne Hose! Die wollte ich für heute Abend anlassen. Zum Skat. Das kann ich vergessen. Da muß ich eben die für den Garten anziehen. Dort habe ich jetzt eh nichts zu tun. Bei dem Schnee!«

Mühsam stemmt er sich – ohne Einkaufseierbeutel – hoch und greift sich ächzend in die Seiten.

»So wird das nichts. Die Eier sind eh Murks. Dreimal bin ich noch hingeklatscht. Dreimal mußte ich klingeln, damit die mir den Beutel wieder aus dem Vorgarten reichen. Eine Scheiße ist das hier.«

Suchend blickt er sich nach einer Klingel um.

»Obwohl, das ist doch dem Schorsch sein Zaun. Vielleicht habe ich Glück und muß nicht klingeln?«

Der Schorsch wird bei der Dunkelheit kaum etwas von dem Eierbeutelwurf mitbekommen haben und ihn von alleine über den Zaun reichen.

»Der Schorsch wohnt doch hier in der Todeskurve. Seit der Wende heißt die so. Nach dem ersten Schnee kracht dem immer ein Auto in den Zaun. Seit der Wende! Regelmäßig nach dem ersten Schnee! Der Schorsch sagt immer: Darauf könne er sich verlassen! Das wär so sicher, wie das Ahoi in der Kirche. Der Schorsch war doch früher hoch zu See. Bis zur Wende war der überall! In jedem Hafen! Wenn der davon anfängt zu erzählen, muß man sich schnell die Taschen zunähen. Eine Phantasie hat der Schorsch!«

Und Glück. Der Zaun ist noch ganz.

»So ein Pech! Da muß ich klingeln und kann nicht einfach durch den kaputten Zaun ... Es ist ja auch der erste Schnee der hier liegt. Sicher rumst es bald. Da kann der Schorsch wieder lamentieren und erzählen, wie oft er den Zaun schon geflickt hat. Beim Skat. Jeden Mittwoch kloppen wir dort drüben in der Schenke unsere Karten. Mit dem Müller-Karl. Das ist keine hundert Meter von hier!«

Ach du Scheiße.

»Die Geschichten vom Zaunflicken kenne ich alle auswendig. Wie er projektiert hat und wie er die Sache dann angegangen und gelöst hat. Jedesmal hat der sich der Aufgabe gestellt und jedes Jahr anders! Neunzehn mal von der Wende bis jetzt! Ich höre den schon wieder! Wie der anfängt mit erzählen!«

Ach du Scheiße!

»Aber es hilft ja nicht nichts. Jetzt muß ich bei ihm klingeln. Ich kann ja schlecht warten, bis es rumst und ich einfach so durch den kaputten Zaun kann. Heute ist ja Skat und ich wollte noch Abendbrot ... – die Eier sind eh Murks und gefroren – und die Hose für den Garten ...«

Klingeln!

»Eine Sauerei ist das hier! Diese Schweine! Können die nicht ...«

Ein Ruck geht durch den Mann. Seine mühsam unterdrückte Empörung bricht sich ihre Bahn.

»... ordentlich den Schnee beräumen? So wie es sich gehört und es früher Gang und Gäbe war? Dort auf der Straße kommen die erst, wenn schon alles festgefahren ist! Dann schieben die nur die Hälfte weg und schütten ein bißchen Salz drauf! Das wird doch nur eine Schmiere, wenn der Schnee schon Eis ist! Sand gehört da drauf! Sand! Diese Idioten! Seit der Wende geht das so! Erst seitdem machen die so einen Scheiß! Erst seitdem knallen sie dem Schorsch rein! Vorher haben die ordentlich geräumt. Rechtzeitig! Bevor der Schnee fest war! Und den haben sie mitgenommen und nicht alles auf den Fußweg geschoben. So wie hier! Auf dieser Buckelpiste kann doch keiner laufen!«

Recht hat er. Der Fußweg ist eine einzige vereiste Katastrophe.

»Früher war alles, was einen Schneeschieber halten konnte, unterwegs. Sofort! Bevor der Schnee zusammengepappt ist. Mit dem Traktor sind wir los. Schneeschieben. Oder mit dem Multicar! Ich war Melker! Dort drüben in der LPG. Die war ...«

Keine hundert Meter von hier.

»... dort wo jetzt die Kaufhalle ist. Dort hat auch keiner gestreut! Das bißchen Vogelsand was die dort ausgekippt haben ... Schneeschippen müssen die! Und dann erst streuen! Diese Idioten!«

Der Mann ist jetzt in Hochform. In seiner Ausführung fehlt nur noch der systemkritische Zusammenhang.

»Wenn ich im Winter nicht an der Kuh war, war ich am Schneeschieber! Die ganze LPG habe ich beräumt! Da gabs nichts! Der Schnee mußte weg! Der war viel zu gefährlich für den Sozialismus! Wenn da einer ausgerutscht wäre und sich was getan hätte! Bei dem Arbeitskräftemangel! Aber heute? Die denken, die können sich mit ihrer Marktwirtschaft alles erlauben! Diese Kapitalistenschweine! Wenn da einer auf die Fresse fliegt, ist der seinen Job los! Damit rechnen die doch! Das kalkulieren diese Schweine ein! Deswegen räumen die hier keinen Schnee!«

Noch hat er nicht alles gegeben. Da steckt noch mehr drin.

»Da kann man über die Roten herziehen, wie man will! Eins muß man ihnen lassen. Unter Honecker! Unter Honecker hat es so etwas nicht gegeben! Die haben den Schnee nicht einfach auf den Fußweg geschoben. So ein Murks! Egal wo man hinblickt!«

Jetzt schaut er auf dem Murks, der im Vorgarten liegt und mal frisch gekaufte Eier waren.

»Ach, was rege ich mich auf. Die da oben machen sowieso was sie wollen. Das war früher auch nicht anders. Ich klingele jetzt einfach und schere mich dann nach Hause. Sonst komme ich noch zu spät zum Skat.«

Und ich zu spät in die Kaufhalle. Die macht gleich zu. Eigentlich brauche ich ja nur ein paar Eier ...

Donnerstag, 18. November 2010

Kasse Zwei


Für alles was man tut, bezahlt man irgendwann – an Kasse Zwei.

»Guten Tag.«

Was? Wie bitte? Wenn schon, dann: Guten Morgen.

»Haben sie noch einen Wunsch?«

Ja, klar. Aber das geht jetzt nicht mehr. Ich war schon duschen.

»Einssechzig!«

Ist sie groß und nicht mal einen Zementsack schwer. Ich mag solche Zwerge, weil man sie sich so schön unter den Arm klemmen kann.

»Zwei. Vierzig zurück. Zettel?«

Spinnt die Kirsche? Was denn für einen Zettel? So ein Entschuldigungsdings, weil ich diese Nacht nicht zu Hause war? Soll ich den meinem Wellensittich geben? Oder wird das eine Quittung über die von mir erbrachte Leistung? Da braucht sie aber einen A4-Schreibblock. Ein Zettel reicht da nicht.

»Waren sie zufrieden mit ihren Einkauf?«

Was? Meint sie den Kaffee, den ich jetzt am leeren Frühstückstisch trinke? Den habe ich doch schon diese Nacht an der Tanke holen müssen. Gott sei Dank hat sie mir, bevor wir uns hierher geknutscht haben, erzählt, daß sie keinen zu Hause hat. Morgens, nach dem Aufstehen, geht ohne Kaffee gar nichts. Davor schon. Das habe ich bewiesen.

»Danke. Schönen Tag noch.«

Bitte. Nichts zu danken. Es war mir ein Vergnügen. Das kann ich ehrlichen Herzens, ungeheuchelt und nicht vorgetäuscht feststellen. An einer Fortsetzung desselben wäre ich schon interessiert gewesen, auch wenn ich sie erst einmal darüber im Unklaren gelassen hätte – eine konkrete Terminabsprache würde sie jetzt nur verwirren – und mich, Eile vortäuschend, aus dem Staub gemacht hätte, mit dem vagen Hinweis, daß ich sie bei Gelegenheit anrufen werde. Alles andere würde ihrer Erwartungshaltung widersprechen und sie nur unnötig beunruhigen. Das wollen wir ja nicht. Außerdem sehe ich sie sowieso jeden Tag beim Einkauf. In meiner Kaufhalle nebenan. An Kasse Zwei. Meiner geliebten Stammkasse. Dort teilt sie sich mit einem anderen köstlich Schnurzi die Schicht. Was ich da schon für Kreise gezogen habe, eh meine Favoritin dort wieder einwechselte – stundenlang bin ich zwischen Kühltheke und Gemüsestand hin und her gependelt, nur um von ihr abkassiert zu werden. Gut, es hat sich gelohnt, aber nun von ihr mit einem lapidaren »Schönen Tag noch.« einfach rausgeschmissen zu werden, auch wenn eine dramatische Abschiedszene das Letzte ist, was ich erwartet und gebraucht hätte – das hat sich die letzten 800 Jahre keine getraut.

»Ach, du bist das!«

Ja, wer soll denn sonst hier sitzen und seinen mitgebrachten Kaffee trinken? Etwa der Prolet, der sich Punkt 17.00 Uhr jeden Tag bei ihr seinen Kasten Feierabendbier holt und sich dabei fast in die Hose sabbert? Denkt sie, ich merk das nicht? Oder der alte Sack, der immer dreimal hintereinander einkauft, weil er was vergessen hat? Angeblich? Das mache ich zwar auch, aber bei mir ist das eine ausgeklügelte Strategie und kein plumpes Gewese, also etwas anderes. Immerhin habe ich es so erreicht, daß sie mich voriges Jahr, genau zum Heilig Abend, zum ersten mal ansprach.

»’tschuldige. Ich bin noch total verpennt und mit den Gedanken schon wieder auf Arbeit.«

Mit ihren Gedanken sollte sie eigentlich immer noch bei mir sein. Aber ich will mal nicht so sein. Das klingt schon besser als ein »und nun troll dich«. Nur, wie komme ich jetzt unauffällig davon?

»Weißt du noch, wie ich dich das erstemal angesprochen habe? Da hast du so trollig geguckt! Da war mir klar, daß bei dir zu Hause keine Frau auf dich wartet.«

Na Klasse! Klar erinnere ich mich: »Aber sie wissen schon, daß wir heute schon 16.00 Uhr schließen?« Das war mir neu und ich hätte ihr eine scheuern können. Kurz vor vier hatte ich geplant, noch zweimal etwas zu vergessen. Das wurde extrem knapp. Hochrot bin ich gleich zurück in die Halle, um den Rest zu holen.

»Du warst total niedlich! Genau wie damals, als dir genau ein Euro zum Bezahlen gefehlt hat. Naja, da war eh nicht viel los.«

So wenig, daß sie den Kassenschieber offen lassen und auf mich warten konnte, bis ich mit dem Pfand-Euro vom Einkaufswagen wieder zurück war. Dazu mußte ich natürlich, voll mit dem Einkauf bepackt, nochmal quer durch die ganze Kaufhalle. Peinlich. Aber was heißt hier trollig und niedlich? Kerlchen sind niedlich, aber ich bin ein Mann! Der ist im Zweifelsfall immer noch interessant!

»Ich geh fix duschen. Kaffee ist ja noch da. Aber die Haare werde ich mir nicht mehr waschen. Eh die trocken sind, ist meine Schicht zu Ende, und in dem Laden kann ich schlecht wie ein begossener Pudel auftauchen.«

Das würde aber zu ihr und dem Laden gut passen. Mehr als einen Appel und einem Ei verdient sie dort nicht und der Chef vom Ganzen könnte jeden Morgen, mit einem privaten Flugzeugträger der Nimitz-Klasse, auf die Bahamas zum Frühstück fahren.

»Ob ich die mir färbe? So ein Kastanienbraun mit helleren Strähnchen? Was sagst du?«

Von mir aus. Diese langen Loden kann sie sich sogar batiken. Aber wieso fragt sie mich? Und wieso bleibt mir langsam die Luft weg? Als erfahrener und mit allen trüben Wasserfällen weiblicher Inbesitznahme gefluteter Mann, müßte ich eigentlich wissen, wann sich die Schlinge um meinen Hals zuzieht.


»Du bleibst hier! Trink erstmal deinen Kaffee aus. Wir gehen dann zusammen los, und du bringst mich noch auf Arbeit.«

Warum lerne ich bei Frauen nie dazu? Wieso schaffe ich nie den Absprung? Warum muß ich immer im eigenem Revier wildern? Genau dort, wo ich nicht einfach unsichtbar werden kann?

»Heute Abend hast du keine Zeit. Morgen gehe ich zum Taekwon-Do, Samstag mit der Trulla von nebenan ein Bier trinken – ihr Alter nervt mal wieder ’rum –, bleibt der Sonntag. Da hast du Glück. Normalerweise bin ich da zum Bowling. Fällt aus. Mein Gott, jeden Tag knalle ich mir den Terminkalender voll, nur um nicht über mich nachdenken zu müssen. Egal. Ich mache etwas Schickes zum Abendbrot. Gegen Acht müßtest du dann hier sein. Wein habe ich noch da, du mußt also keinen mitbringen.«

Was muß ich? Wie? Ach du Sch... Und wieso habe ich heute keine Zeit?

»Weil heute Donnerstag ist. Da bekommst du Besuch von irgendwelchen Weibern. Denkst du, ich merke das nicht? Da gockelst du jede Woche mit einer Anderen durch die Kaufhalle, und ihr holt für mindestens 6 Leute was zu Essen. Letzte Woche gab es bei euch Fisch. Stimmts?«

Fischfrikadellen. Selbstgemacht. Mit Dillsoße.

»Aber Dill führen wir nicht. Deinem Gesicht nach, hattest du auch keine zu Hause, also mußtest du noch zur Konkurrenz traben.«

Stimmt auffallend. Ach du Sch... Was soll ich da jetzt bloß machen?

»Einkaufen gehen. Heute ist Donnerstag. Komm, wir müssen jetzt los, sonst komme ich zu spät.«

Game over – an Kasse ...

Vorerst. *g*

Samstag, 13. November 2010

moderne Zeiten


Früher musste man sich die Gummihandschuhe aus Fahrradschläuchen selber basteln. Die wurden ab und zu aufgewaschen, danach mit Talkum eingepudert und von Generation zu Generation weitergegeben. Da hat man es heute besser. *g*

Kann man an Hämorrhoiden den Pulsschlag der Zeit fühlen? Und wenn ja, warum sollte man dies tun?

Wetter gab es früher auch nicht. Nur Schlagwetter. :-P

Samstag, 6. November 2010

Klärung eines Sachverhaltes


@ Octa:
Wein – in der Tasse war schlicht Wein. Über verschiedene Sachen denke ich in meiner Frauenrunde nicht mehr nach. Ich kann dir also nicht sagen, warum die Frau ihren Wein in die Tasse gekippt hat. Vielleicht wollte sie damit einen Protest verdeutlichen. Gegen den Wein kann er sich aber nicht gerichtet haben – den hat sie schließlich selber mitgebracht.


Möglich ist auch, daß einfach kein sauberes Glas mehr verfügbar war. Früher hätte ihnen das nichts ausgemacht. Da haben die sich gleich die Pappe angesetzt. Aber jetzt – mit über dreißig – wahren sie zumindest zum Schein die Etikette. Auch trinken die Saufzwerge so gut wie gar nichts mehr. Das Neun-Getränke-Gelage würde dann so aussehen: Jeder bekommt ein Getränk und fertig. Die müssen schließlich früh bei Zeiten raus und ins Bad. Das funktioniert nur, wenn sie da schon wieder klare Bilder sehen und sich an die Reihenfolge erinnern können, die sie am Vorabend ausgekaspert haben. Abends kommt ja nur eine davon und damit nach Hause.

Ob der Wein sich mit dem Kürbis vertragen hat, kann ich dir auch nicht sagen. Eigentlich haben sie die selbe Knete erzählt wie sonst auch. Letztens hatten wir Frisör- und Haarprobleme auf der Tagesordnung. Entnervend. Vielleicht kann ich das später noch genauer beobachten. Das mir angedrohte Drei-Gänge-Menü besteht ja aus 1. Kürbissuppe, 2. Kürbisgratin, 3. Kürbiskompott. Vermutlich leuchten dann ihre Augen feurig und sie fletschen die Zähne – um anschließend wieder von früher und ihren verflossenen Kerlen zu schwelgen. Ich weiß noch nicht, ob ich da schon wieder aus der Dönerbude zurück bin. Mal sehen.

Was Subway mit der ganzen Sache zu tun hat, wüßte ich auch gern. Irgend ein Kurzschluß in meinem Unterbewußtsein. Die habe ich das erste mal Mitte der 90er im Gasthof Lüttewitz erleben dürfen. Da hat der Saal so gekocht, daß ich nicht mehr wußte, ob ich da noch lebend herauskomme. Oder besser, ob ich das noch will. Vielleicht liegt es ja daran. Möglich wäre es ja. Da hat schräg vor mir so eine Schnecke getanzt ... *hüstel* Da flogen die Abrissfunken nur so hin und her ... So vor 15 Jahren. *g*

Bei der Kommasetzung haben wir uns auf folgendes Verfahren geeignet: Ich klatsch die Dinger einfach rein. Dann schicke ich das alles zu Frau Rot-Weiß Erfurt. Die korrigiert nach dem Prinzip, nachdem ein »kann-Komma« ein »muß-Komma« wird und beamt mir das zurück. Dann lese ich nochmal Korrektur und fertig. Diesen Text hat sie nicht lektoriert. Sie sitzt jetzt eben in einem Bierzelt und versucht die Dorfbevölkerung für schwere Kunst zu begeistern. Das ist zwar auch nicht die wahre Erfüllung, aber immer noch besser, als sich mutterseelenallein Nachts auf der Straße herumzudrücken.
Die Texte werden übrigens nicht länger sondern kürzer. Mir sterben sonst die Leser aus. Meine letzte »Tantchen« Kurzgeschichte ging über 35 Seiten bei einer 10pt Schrift und obwohl ich sie in 6 Teilen gestaffelt habe, gab es eine Epidemie in meiner Leserschaft. Das liest kein Mensch am Monitor. Auch nicht, wenn er regelmäßig den Späti aufsucht.

@ Mali
video

Dienstag, 2. November 2010

Vom Kürbis getroffen


Da flehte der Rufer, Seher und Mahner im Angesicht seines irrenden Volkes in der Wüste zu Gott: »Oh, Herr! Wirf Hirn vom Himmel!« Und Gott erhörte ihn, mißverstand ihn und warf Kürbis. Der Kürbis traf, hier und da, und beide wußten nicht, ob das gut war.

Besser du gehst
Besser du läufst
Besser du rennst
So schnell du kannst
Und so weit
Wie dich dein Atem tragen kann (Subway to Sally)


Einen Volltreffer landete der heilige Geist, Gott oder wer auch immer bei der Kirsche, die eben im Niederdeutschen Rundfunk zu sehen war. Wenn man mit einem Blindgänger überhaupt etwas treffen kann. Inmitten von Strohballen saß die da und laberte Kürbis. Genauer, sie sabbelte von 130 Kürbissorten die sie auch umgaben. Dabei nestelte sie an ihrer Strickjacke, die sie wohl von Gustav Adolf von Schweden gespendet bekam, und über die schon von Grimmelshausen gespottet hat. So eine Strickjacke hat jede Frau. Zur Konfirmation oder zur Beerdigung ihrer Oma bekommt sie die geschenkt und in ihr fühlt sie sich so wohl, daß sie die jeden Tag trägt, bis sie in Fetzen an ihr herunterhängt oder bis sie beim besten Willen nicht mehr hineinpaßt. Dann hebt sie die auf, um sie gelegentlich, meist nach einem gediegenen Ehekrach, wiederhervorzukramen und wehmütig ihrer verlorenen Jugend zu gedenken. Als Mann kommt man gegen so eine Reliquie nicht an und man wird sie erst los, wenn man die Frau mit raus- oder ihr den Fetzen als Grabbeigabe hinterherwirft.

Die Frau erklärte allen Ernstes, daß sie ihr Leben dem Kürbis gewidmet hätte. Der ganze übliche theatralische Schmuß, den man so von sich gibt, wenn man auf Krampf versucht, seinem Leben einen Sinn zu geben, sprudelte aus ihr hervor. Früher, wenn man sich seiner Talentfreiheit bewußt wurde und einem nichts besseres einfiel, verkaufte man seine Seele dem Teufel oder opferte sie Gott, um anschließend nach vielen Entbehrungen sein Leben auf dem Scheiterhaufen oder vor dem Altar auszuhauchen. Heutzutage endet man eben streng ökologisch und umweltgerecht in einer Scheune, in einen Scheuerhader gewickelt, auf Strohballen gelagert, inmitten von 130 Kürbissorten. Kein Mann, kein Kind, keine sinnvolle Aufgabe – was bleibt ist der Tierschutzverein, der Gemeindechor, die Klöppelrunde oder eben die Kürbiszucht.

»Das hier ist ein sehr schöner Kürbis! Er hat ein sehr festes Fruchtfleisch. Daraus lassen sich wunderbare Kürbisgratins machen. Die sind sehr lecker!«

Schnitt. Die Frau hat plötzlich einen anderen Kürbis in der Hand.

»Das ist auch ein sehr, sehr schöner Kürbis mit einem wunderbar festen Fruchtfleisch! Er eignet sich besonders für ganz leckere Gratins!«

Kurze Kamerafahrt über 5 der 130 Kürbissorten.

»Dieser Kürbis eignet sich hervorragend für wunderbar leckere Gratins, weil er ein sehr festes Fruchtfleisch hat.«

Die Kamera schwenkt über 60 der 130 Kürbissorten und stoppt abrupt. Wahrscheinlich mußte der Kameramann sich spontan übergeben. Schnitt.

»Mit diesem Kürbis lassen sich auch ganz wunderbar leckere ...«

Und so ging das weiter, bis Sorte 70. Gelaber, Kameraschwenk auf die 130 Kürbissorten, Gelaber, Schwenk ... usw. Grauenvoll. Die gute Frau unterteilte die Kürbisse dabei in drei Kategorien: 1. Sehr schöne Kürbisse. 2. Sehr, sehr schöne Kürbisse und 3. Sehr, sehr, sehr schöne Kürbisse, die sich aber alle wunderbar für leckere Gratins eignen.
Die Redakteurin bäumte sich nur einmal mit einer geistreichen Frage aus ihrer zielpublikumangepassten geistigen Umnachtung auf: Ob es denn auch giftige Kürbisse gäbe? Da schaute die angesprochene Mutter aller Kürbisgratins völlig irritiert auf und verneinte harsch diese Unterstellung. Sie räumte aber um Entschuldigung bittend ein, daß es einige ungenießbare Sorten gäbe. Damit stieß sie unverhofft bei der Redakteurin auf Verständnis. Der Niederdeutsche Rundfunk ist ja auch zum größten Teil ungenießbar. Daran ändern auch die Ernährungsbeiträge und diverse Kochsendungen, die sich da im 3-Schichtsystem über die Bühne schinden, auch nichts. Die werden ihr Stümpertum und ihre Einfallslosigkeit solange über den Sender jagen, bis sie ihre Zuschauerclique ausgerottet haben. Da diese alle der Nachkriegsgeneration angehören, dürfte dies nicht mehr allzu lange dauern. Aber selbst dann sprudelt die Zwangsgebührenquelle ja weiter und da der Bürger nie von seinem Notwehrrecht Gebrauch machen wird, um diese Bande in den Steinbruch zu putschen, werden sie einfach weiter den Äther verseuchen.

Apropos Seuche: Was will die Alte mit 130 Kürbissorten? Gratins kochen. Ist klar. Aber rechnen wir das Ganze mal spaßeshalber durch. Pro Sorte lagen dort im Schnitt vier bis sechs Murmeln rum. Macht in etwa 650 Kürbisse. Das sind im günstigsten Fall 1950 Gratins für 4 Personen, also 7800 Mahlzeiten. Sie müßte nun pro Tag 21 mal Kürbisgratin essen, um ihre Scheune in einem Jahr wieder leerzukriegen.

Besser du gehst
Besser du läufst
Besser du rennst
So schnell du kannst
Dreh dich nicht um
Vielleicht entkommst du irgendwann


Denn das kann definitiv nicht gesund sein. Auch wenn sie das Zeug zu Suppe verkocht oder Salat daraus hobelt – selbst das tapferste Hausschwein oder ein aus dem Kürbis gezauberter Ehemann streckt da die Hufe. Außerdem – hier irrt die Frau in ihrem Wahn – sind alle Sorten ungenießbar. Unter Genuß verstehe ich etwas, was man gern und ohne Zwang tut und dabei Freude empfindet. Das kann durchaus ein gelungenes Gericht sein, wenn man als Zutat auf das Kürbisfleisch verzichtet. Oder es geschmacklich so verfremdet, daß es nicht mehr nach Kürbis schmeckt.


Ein Paradebeispiel ist die Ingwer-Kürbissuppe. Im Verhältnis drei zu eins püriert schmeckt man garantiert keinen Kürbis mehr heraus. Statt Ingwer kann man auch Zahnpasta nehmen oder für ein lecker Kürbiskompott Essig, Zucker, Zimt, Nelken und viel Meerrettich. Mag man die Suppe exotisch, so empfehle ich, Kokosmilch und heftig Chillipulver. Es mag sein, daß dies alles recht gewöhnungsbedürftig klingt, aber es ist immer noch ein Labsal, verglichen mit dem Kürbisaroma an sich.
Wozu hat man denn 130 Kürbisarten im Haus oder überhaupt erst gezüchtet? Doch nur, weil man mit einer Sorte nicht zufrieden ist. Dem DDR-Bürger wird unterstellt, er hätte in dem Kürbis einen Ananasersatz gesehen. Dabei gab es in der Zone – und besonders in der Schulspeisung – nicht mal einen Kürbis der nach Kürbis geschmeckt hat. Da gab es nur Kürbisersatz. Das waren Zuckerrüben die man mit Leinöl aufgekocht und mit Terpentinersatz abgeschmeckt hat. Es kann auch Kohlrabi gewesen sein. Oder eben Kohlrabiersatz, also Futterrüben. Ich habe keine Ahnung mehr. Irgendso etwas. Das Schulessen war ja die Fortführung des Sportunterrichtes mit anderen Mitteln.

Besser du gehst
Besser du läufst
Besser du rennst
So schnell du kannst
Und so weit
Wie dich dein Atem tragen kann



Es war stockdunkel, es war arschkalt, die Welt war gegen mich und stellte sich mir nur verschwommen dar. Klar, meine Brille lag ja zu Hause. Was ich sehen konnte, war ein glimmendes Stück Holzkohle und auf der Mauer zum angrenzenden Friedhof den schwachen Schein eines Halloweenkürbisses. Der hätte mich stutzig machen sollen. Ansonsten umgab mich Dunkelheit und ich konnte die anderen Gäste auf dieser Gartensommerabschlußparty nur spüren, aber nicht sehen. Der Mann an der Holzkohle nannte sich Grillmeister und war ein Totalversager. Ich hörte ihn nur fluchen und in rhythmischen Abständen etwas scheppern oder das Stück Holzkohle glomm auf. Eh der seinen Job erledigt hätte, wäre ich dreimal verhungert gewesen. Also tastete ich die Tischplatte nach etwas anderem Eßbaren ab. Die Dame des Hauses steht ja zu recht in dem Ruf, eine hervorragende Köchin zu sein und ihre Göttergaben waren stets sehr reichlich und vielseitig vorhanden. Die erste Schüssel war meine. Ich unternahm gar nicht erst den Versuch, mir einen Teller zu erfummeln und ergriff gleich den Löffel aus der Schüssel. Von der Konsistenz her war ihr Inhalt schmierig und er roch grün, also mußte es sich um Gemüsesalat handeln. Das war zwar nicht das, was ich mir erhofft hatte, aber es war erstmal besser als nichts. So für den ersten Hunger mußte es reichen und war der gestillt, würde sich noch etwas anderes finden. Das Zeug war wirklich Salat und schmeckte nach Lauch und nach etwas anderem mir unbekannten. Ich löffelte los, bis mich der Lichtkegel einer Taschenlampe traf.
»Gib mir mal bitte kurz die Schüssel mit dem Kürbissalat herüber!«

Besser du gehst
Besser du läufst
Besser du rennst
So schnell du kannst
Und so weit
Wie dich dein Atem tragen kann


Am nächstem Tag brachten die Nachrichten die Eilmeldung, daß der Friedhof geschändet wurde. Quer über das gesamte Areal hätten die unbekannten Täter eine Schneise geschlagen und dabei die Grabsteine umgestoßen. Das war natürlich kompletter Blödsinn. Ich war allein auf der Flucht und ich habe die Klötzer nicht geschändet, sondern mir sämtliche Knochen daran aufgeschlagen. Da kann man mal sehen, was der Niederdeutsche Rundfunk für Falschmeldungen verbreitet, nur um überhaupt etwas berichten zu können.
Aber davon mal abgesehen – es war eher der Schreck, der mich zu dem etwas überstürzten Aufbruch verleitete, als der Geschmack des Salats. Nichtsdestotrotz war ich nun erpressbar – und ich wurde natürlich schamlos unter Druck gesetzt. Entweder Kürbis oder Knast. Ich hatte die Wahl zwischen einer Einladung zu einem Essen, mit einem gefüllten Kürbis bei mir zu Hause oder ich fahre pro umgeworfenen Grabstein für eine Woche ein. Das wären summa summarum ca. 1 Jahr bei Wasser und Kürbisbrot gewesen. Also lies ich mich wutschnaubend auf dieses Experiment ein.


Und was soll ich sagen: Meine These über Kürbisgerichte erwies sich als wahr. Das Zeug schmeckte wie gebackene Kartoffeln, die man vorher in Gemüsebrühe gekocht hat. Mit der Käsehackfleischpampe darin war es sogar lecker. Ganz ohne Gratin und sonstigen schnickschnackischen Sättigungsbeilagen.
Aber warum dreht die Menschheit im Herbst durch und sich um den Kürbis? Der Halloweenquatsch kann es nicht sein. Wenn die Kelten nicht durch die Römer alle ihre Druiden losgeworden wären, gäbe es diesen Brauch gar nicht. Die Druiden hatten selber helle Köpfe und brauchten keine ausgehölten Kürbisse zum Denken. Nur wurden diese Köpfe eben von den römischen Legionären abgeschlagen, um der keltischen Landbevölkerung die politische und spirituelle Führung zu nehmen. Da haben die eben als Führungsersatz diese Leuchtkürbisse geschaffen und damit den Römern einen gehörigen Schreck eingejagt. Das scheint sich ja bis heute bewährt zu haben. Deutschland, zum Beispiel, wird immer noch von Kürbisnischeln regiert. Die sind geschmacklos, ungenießbar, scheinen scheinbar so vor sich hin und jagen ihren freien Bürger einen Schrecken nach dem anderen ein.

Aber da muß es noch etwas anderes geben. Also beschloß ich etwas zu recherchieren. Vorab: Ich habe meine Nachforschungen gleich wieder eingestellt. Die erste Erkenntnis, gefunden auf einem uralten Bambusblattkalender im Fidschi-Restaurant schräg gegenüber, war schon erschütternd:

»Eine große Flut hatte die gesamte Menschheit hinfort gespült, nur ein Geschwisterpaar hatte sich retten können, und da beide die einzigen Überlebenden darstellten, waren sie gezwungen sich zusammen zu tun, um die Welt erneut zu bevölkern. Nach einiger Zeit gebar die Frau einen Kürbis, aus dem nacheinander verschiedene Ethnien schlüpften: zunächst erschienen die Khmu, dann die Rmeet, die Lao und schließlich die Thais, Vietnamesen, Franzosen, Japaner, Amerikaner, Deutsche, …«

Alles klar? Wer die Muuh und die Määh sein sollen, weiß ich nicht. Es ist mir auch völlig egal. Das der Deutsche nicht aus dem Mustopf, sondern aus dem Kürbis kommt, war mir neu. Seine Inzestnähe hat er ja auch nie abgelegt. Seit der Kleinstaaterei wurde das besonders deutlich. Der Adel blieb unter sich, heiratete nur untereinander und pflanzte sich fort, bis sein gesamtes Erbgut so versippt und verschwägert war, das es nur noch vor sich hindegenerierte. Der daraus entsprungene letzte sächsische Mutant erkannte 1918 seine schweren Erbschäden und dankte mit den Worten: »Machd doch eiern Drägg alleene!« ab. Darauf hatte das schon erstarkte Großbürgertum nur gewartet und sie gebaren, was die Erbsubstanz hergab. Die Folgeschäden blieben natürlich nicht aus. 1933 marschierte ganz Deutschland los, bis alles in Scherben fiel oder später eine ganze Republik gebündet wurde. Das Lumpenproletariat war derweil auch nicht untätig und ihre Nachkommenschaft regierte bis zur völligen Haftunfähigkeit. Immer wenn ein Erbgut ausgelaugt war und nur noch Genschrott barg, übernahm der nächste Kollateralschaden freudig den Staffelstab, um ihn in der kommenden Führungsunfähigkeit wieder zu verlieren. Das bisherige Ende vom Lied ist, daß wir von einem Bodensatz dieser Gesellschaft regiert werden, deren Wähler von der Unterschicht nun schon geklont werden. Bildungs- und Wohlstandsverwahrlosung gebiert Crashkids, Parteisoldaten oder Sozialpädagogen, die wiederum nur untereinander in die Kiste zur Zeugung neuer Gesellschaftsschichten springen. Irgendwann werden wir dort enden, woher wir gekommen sind: Im Kürbis.

Besser du rennst ...